Abfall & Recycling

Strategien für die Abfallwirtschaft

Christian August
Von links: ÖWAV-Präsidiumsmitglied Christian Holzer (BMNT), ÖWAV-Geschäftsführer Manfred Assmann und Mathias Ottersböck, Koordinator der Arbeit am Positionspapier.
Christian August

Der Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaftsverband (ÖWAV) ließ die Köpfe rauchen. Herausgekommen ist ein schlankes, aber umso gehaltvolleres Positionspapier zu den Strategien der österreichischen Abfall- und Recyclingwirtschaft. Die wesentlichen Punkte im „Umweltschutz“-Gespräch.

Was war das Motiv für das Positionspapier?
Assmann: Der ÖWAV versteht sich als Plattform, die neben ihren Fortbildungsaktivitäten gerne auch als Think Tank agiert. Darum haben wir hier eine umfassende Sicht der erforderlichen Strategien angestrebt – das gelingt uns ganz gut, weil wir keine Partikularinteressen vertreten. Es war ein aufwendiger Prozess und wir haben uns auch bemüht, das gut zu strukturieren und konkrete Vorschläge für die sieben wichtigsten Handlungsfelder zu machen.
Holzer: Ich denke, dass wir in Europa vor einem Mind Change stehen. Die europäische Gesellschaft entwickelt sich hin zu einer Gesellschaft, die vermehrt Rohstoffe in Kreisläufe führt. Gerade deswegen ist dieses Positionspapier sehr aktuell. Es kann allen Entscheidungsträgern eine gute Grundlage zur Hand geben, an welchen Rädern gedreht werden müsste bzw. wo man schon bisherige Anstrengungen verstärken sollte. Österreich muss sich ja gegenüber niemandem auf der Welt verstecken für das, was wir im Bereich der Abfallwirtschaft schon geleistet haben. Wir sind – gemeinsam mit zwei drei anderen Ländern – europäische Spitze und damit sicherlich in der Welt ganz vorne. Aber es gibt noch Luft nach oben.

Die Kreislaufwirtschaft ist also ein zentrales Thema?
Holzer: Ja, das wird auch mit den ambitionierteren Zielen im EU-Kreislaufwirtschaftspaket dargelegt, das die österreichische Regierung unterstützt. Da werden übrigens auch wir uns noch anstrengen müssen, um beispielsweise die Vorgaben für die Recyclingquote von Siedlungsabfällen zu erreichen.
Das bedingt aber weit über die Abfallwirtschaft hinausgehende Schritte. Der aus unserer Sicht wichtigste Ansatz ist, die bestehende Ökodesign-Richtlinie auszubauen, die sich bisher im Wesentlichen auch auf Energieeffizienzkriterien beschränkt. Man schreibt uns vor, wieviel Watt ein Staubsauger oder ein Haarfön haben sollen – das macht schon Sinn im Zusammenhang mit dem Energieverbrauch. Aber der entscheidende Punkt für die Recyclinggesellschaft ist, dass diese Ökodesignrichtlinie erweitert wird um Kriterien des Design for Recycling und Design for Reuse. Im ÖWAV-Positionspapier werden dazu auch ganz wesentliche Aspekte angesprochen.

Welche Sektoren haben sie besonders im Blick?
Assmann: Es geht um praktisch jeden Bereich, von der produzierenden Industrie, über Papier- und Bauwirtschaft bis zur Elektronikindustrie. Eine Schwierigkeit ist dabei, dass die Industrie internationalisiert ist. Die Headquarters sind in Asien, die Produktdesigner in Paris oder in Tokio. Eine nationale Steuerung ist da schlecht vorstellbar.

Stichwort Steuerung: Das Papier betont den partnerschaftlichen Charakter – doch es wird wohl ohne Quoten und Vorschriften nicht gehen?
Assmann: Es gibt schon einige Punkte, in denen wir auch Regulierungen brauchen, aber das meist zeitlich begrenzt. Im Gegenzug dazu betonen wir den Charakter von Anreizen, also Regulierungsmechanismen ohne Zwang. Anreize schaffen geht aus meiner Sicht weit über Lenkungsmaßnahmen hinaus. Es geht um massive Öffentlichkeitsarbeit, die Information der Bevölkerung. Es geht darum, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein geschaffen wird. Der ÖWAV versucht das auch mit entsprechenden Kampagnen voranzutreiben.
Holzer: Ich sehe einen Empfehlungscharakter und Handlungsaufforderungen. Zum Beispiel was das Handlungsfeld Datenbasis anbelangt, ist es eine Aufforderung an die Industrie, Mengen und Zusammensetzung der Rohstoffe in von ihnen distribuierten Produkte darzulegen, um eine bessere Informationsbasis für die Recyclingwirtschaft zu schaffen.
Wir zeigen Handlungsspielräume auf für eine erweiterte Herstellerverantwortung, auch in Richtung neue Geschäftsmodelle. Das Sharing-Prinzip und Leasing-Modelle sind im Verkehr und anderen Geschäftsfeldern längst angekommen. Warum kann es nicht solche Modelle auch für Gebrauchsgüter wie beispielsweise Fernseher geben? Das Prinzip „Nicht besitzen, sondern nutzen" birgt ein hohes Potenzial für mehr Ressourcen­effizienz.

Kreislaufwirtschaft ist eine Aufgabe für alle, kann man das so sehen?
Assmann: Wir formulieren Handlungsanleitungen, die an wesentlichen Eckpunkten  zeigen, an welchen Schrauben man noch drehen kann oder muss, um die Anforderungen insgesamt für die Abfallwirtschaft zu schaffen. Dazu kommen auch die Bereiche, die nicht im Kern der klassische Abfall- und Entsorgungswirtschaft liegen, sondern auch die produzierende Industrie, das Produktdesign und nicht zuletzt das Bewusstsein und das Handeln der Consumer.
Alle diese Dinge wachsen künftig mehr zusammen, die Grenzen verschwimmen immer mehr. Nehmen wir eines der aktuell anstehenden Probleme: Es können die besten Sortierverfahren nicht greifen, wenn die eingesetzten Stoffe immer komplizierter werden, wenn immer mehr in Sandwichbauweise, mit Materialmix und Verbundmaterialen gearbeitet wird, die nicht mehr effizient zu trennen sind.
Wenn Sie sich heutige Handys anschauen, dann wird die Recycling- und Entsorgungswirtschaft das nicht alleine lösen können, da brauchen wir die Designer und die Produzenten. Darum wenden wir uns nicht nur an die Politik, sondern ganz konkret an die produzierende Wirtschaft.
Holzer: Recycling ist ja nicht Selbstzweck, nicht das Ziel. Recycling ist ein Werkzeug, um im Bereich der Ressourcennutzung nachhaltiger unterwegs zu sein. Wir werden auf Dauer nur dann mit der Recyclingwirtschaft reüssieren, wenn die Sekundärrohstoffe in etwa an das Level der Virgin Materials herankommen.
Ich nehme ein typisches Beispiel: Wir haben im Bundesabfallwirtschaftsplan 2017 eine Klärschlammstrategie aufgestellt, weil es darum geht, nicht nur zu verhindern, dass mit den Klärschlämmen Schadstoffe, pathogene Keime und Mikroplastik auf den Feldern landen, sondern wir wollen den im Klärschlamm enthaltenen Phosphor herausholen. Wenn ich den Phosphor effizient rückgewinne, kann ich damit mehr als ein Drittel des Phosphorbedarfs der europäischen Düngemittelindustrie decken. Der so gewonnene Phosphor hat einen weit höheren Reinheitsgrad als der Phosphor, dessen sich die Düngemittelindustrie im Moment bedient.
Assmann: Eine der wesentlichen Aufgaben wird es sein, Märkte für die Recyclingprodukte und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Dafür sind manch mal Lenkungsmaßnahmen notwendig, aber in erster Linie Anreize, damit das für die Wirtschaft Sinn macht, nachhaltig zu designen und zu produzieren. Nicht nur weil es ökologisch sinnvoll ist, sondern damit es sich auch kaufmännisch rechnet. Ich bin überzeugt, und das bringen wir in dem Positionspapier zum Ausdruck, dass wir den Weg in die Recyclinggesellschaft nur in partnerschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Konsumenten gehen können.


Die Photovoltaiktechnologie ist marktfähig geworden. Ein Gespräch mit dem PV-Experten Hubert Fechner über Solarzellenfoschung, Speichertechnologie –...

Weiterlesen

Welche Bedrohungen der IT-Sicherheit stehen bei österreichischen Unternehmen aktuell auf der Agenda? Wie schützen sie sich davor? Um das...

Weiterlesen

Viele Menschen – auch Expertinnen und Experten – sehen den letzten Sommer als erlebbaren Beweis für die globale Erwärmung und die dadurch ausgelöste...

Weiterlesen

Zweifel an der ökologischen Sinnhaftigkeit von Elektromobilen können schon diskutiert werden. Ein Faktencheck des Klima- und Energiefonds gemeinsam...

Weiterlesen

Mobilität ist ein Grundbedürfnis des Menschen und eine Basis für das soziale Zusammenleben. Daraus resultiert der Verkehr von Personen und Waren. Er...

Weiterlesen

Technologieentwicklung und Digitalisierung tragen zur Lösung von Klimaproblemen bei. Warum das aber nicht reicht und es einen grundlegenden Wandel des...

Weiterlesen

AIT betreibt Spitzenforschung in Österreich.

Weiterlesen

Die ARA hat den „Circular Innovation Award“ ins Leben gerufen.

Weiterlesen

ARA und das Magazin „Umweltschutz“ hatten zum 21. Mal zum Preis „Beste/r Abfallberater/in“ des Jahres eingeladen.

Weiterlesen

Mit 18 voll besetzten Hallen und einer riesigen Freifläche war die IFAT eine bedeutende Präsentationsmöglichkeit für österreichische...

Weiterlesen

Abonnement und Mediadaten

Sie wollen das österreichische Fachmagazin für Umweltschutz kennen lernen?
Sie wollen sich über Erscheinungstermine, Schwerpunkte und Werbemöglichkeiten informieren?

Hier sind Sie richtig.  

Abonnement

Mediadaten