:: Home
::
Nachrichten
Suche
 
::
Wirtschaft
::
Wissenschaft
::
Technologie
::
Energie
::
Abfall
::
Politik
::
Global
::
Service
::
Abo
GLOBAL DETAILS
Stürmische
Entwicklung: ein
„radikaler Umbau“
des Energiesystems
ist nötig, sagen
manche Experten.
Creative Collection
Wien: Internationale Experten fordern „Energierevolution“


Hochrangig besetzte Konferenz tagt noch bis morgen – Chef des Weltklimabeirats Pachauri für „radikale Wende“ – Leiter der UNO-Entwicklungshilfeorganistion UNIDO Yumkella: „umfassender Technologietransfer“ nötig – Außenminister Spindelegger interessiert, Internationale Agentur für erneuerbare Energie (IRENA) nach Wien zu holen - Global Forum on Sustainable Energy feiert zehnjähriges Bestehen

(Wien, 23.06.2009) Die Teilnehmer an der Vienna Energy Conference, die noch bis morgen in der Hofburg stattfindet, sind sich weitgehend einig: Notwendig ist ein rascher und grundlegender Umbau des weltweiten Energiesystems. Nur so kann der Klimawandel bewältigt und gleichzeitig wirtschaftlicher Wohlstand auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern erreicht werden. An der grundsätzlichen Machbarkeit gibt es keinen Zweifel, betonte gestern Detlof von Winterfeld vom Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg (IIASA): „Es ist möglich, alle Menschen mit leistbarer und sauberer Energie zu versorgen, wenn es den politischen Willen dazu gibt.“ Der Generaldirektor der United Nations Industrial Development Organization (UNIDO), Kandeh Yumkella, forderte eine „neue industrielle Revolution“, um dies zu ermöglichen. Sie müsse insbesondere umfassenden Technologietransfer sowie ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen den industrialisierten Ländern und der restlichen Welt mit sich bringen.
Von der Notwendigkeit einer „Revolution im Energiesektor“ sprach auch Rajendra Pachauri, der Generaldirektor des Weltklimabeirats IPCC. Pachauri sagte, bis dato habe die Welt klimapolitisch noch nicht viel erreicht. Zwischen 1970 und 2004 seien die globalen Emissionen an Treibhausgasen (THG) um 70 Prozent gestiegen. Um die Erhöhung der weltweiten Durchschnittstemperatur auf höchstens zwei Grad Celsius zu begrenzen – einem Niveau, das das IPCC gerade noch für unbedenklich hält -, müsse eine radikale „Wende“ stattfinden. Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel („Adaptation“) bezeichnete Pachauri als ebenso unverzichtbar wie das Senken der THG-Emissionen („Mitigation“).
Der Wissenschaftler betonte, es könne keine wie immer geartete Technologie zur THG-Vermeidung ausgeschlossen werden. Er verstehe beispielsweise manche Bedenken gegenüber der Kernenergie: „Aber es gibt diese Energieform, und es wird sie weiterhin geben.“ Kernkraftwerke deckten derzeit ein Sechstel des weltweiten Strombedarfs. Ein Verzicht darauf lasse sich schwerlich bewerkstelligen. In der Hauptsache gehe es aber um einen Umbau der Energiewirtschaft in Richtung Energieeffizienz und erneuerbare Energien, und dieser finde auch bereits statt.
Die Finanzierung könne und dürfe kein Problem sein, betonte Pachauri. Er bezifferte die Kosten für das Erreichen der Entwicklungsziele der UNO, der „Millennium Development Goals“, mit rund 15 Milliarden US-Dollar pro Jahr: „Wenn wir es uns leisten können, weltweit pro Jahr rund 1.200 Milliarden US-Dollar für Rüstung auszugeben, müssen wir uns die 15 Milliarden auch leisten können.“

Skepsis bezüglich Kopenhagen

Unterschiedliche Einschätzungen äußerten die Experten, was die Aussichten des Klimagipfels in Kopenhagen betrifft. Dort gilt es, ein Nachfolgeabkommen zum bekannten Kiotoprotokoll auszuhandeln, dessen Ziele die Vertragsstaaten bis 2012 erreichen müssen. Österreich etwa hat seine THG-Emissionen um 13 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Zur Zeit liegen diese noch um 11,3 Prozent über dem Wert von 1990. UNIDO-Chef Yumkella sprach von einer „großen Herausforderung“. Das Ergebnis von Kopenhagen müsse ein „substanzielles Ankommen“ sein, das insbesondere auch die Finanzierung weltweiter klimapolitischer Maßnahmen sicherstelle. Pachauri warnte, die Probleme zu unterschätzen. Das IPCC arbeite bereits an seine 5. Welt-Klimabericht (Assessment Report), und dieser werde aller Voraussicht nach noch dramatischer ausfallen als der vor zwei Jahren erschienene 4. Assessment Report. Mit Ernterückgängen sowie Wassermangel müsse ebenso gerechnet werden wie mit der Zunahme extremer Wetterereignisse.
Corrado Clini, der Leiter der klimapolitischen Abteilung im italienischen Umweltministerium, zeigte sich skeptisch bezüglich Kopenhagen. Er rechnet allenfalls mit einem Abkommen bezüglich Technologietransfer. Verbindliche Emissionsreduktionsziele erwartet Clini jedoch nicht. Manfred Konukiewitz vom deutschen Entwicklungshilfeministerium dagegen rechnet sehr wohl mit verbindlichen Zielen. Nach seiner Auffassung sollten sich die Industriestaaten dazu verpflichten, ihre THG-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren. Allerdings müssten auch die Entwicklungs- sowie Schwellenländer klimapolitische Verpflichtungen eingehen.
Dies betonte auch Fatih Birol, der Chefökonom der International Energy Agency. Ohne klimapolitische Verpflichtungen für die Entwicklungs- und Schwellenländer nützten noch so drastische THG-Reduktionen in der EU, global betrachtet, nichts. Und: Optimismus sei „das Opium der Menschheit“, warnte Birol.

Zehn Jahre GFSE

Die Vienna Energy Conference wird von der UNIDO gemeinsam mit dem Global Forum on Sustainable Energy (GFSE, www.gfse.at), dem IIASA sowie der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit veranstaltet. Das GFSE wurde vor zehn Jahren auf Initiative des österreichischen Außenministeriums gegründet. Seither etablierte es sich als hilfreiche Kommunikationsplattform für Regierungen, Unternehmen und Institutionen, die in energiewirtschaftlichen sowie energiepolitischen Fragen zusammenarbeiten und die Prinzipien nachhaltiger Entwicklung berücksichtigen möchten. Dabei hilft das GFSE nicht zuletzt auch, Projekte in den Bereichen erneuerbare Energien sowie Energieeffizienz zustande zu bringen. Das Know-how der für das GFSE tätigen Experten wird auch von österreichischen Unternehmen gerne genutzt. Deren Sachkenntnis und Vertrauenswürdigkeit ist bei schwierigen Kontakten in Entwicklungs- sowie Schwellenländern bisweilen von höchstem Nutzen. Außenminister Michael Spindelegger sagte bei einem Empfang im Rahmen der Konferenz, unter der engagierten Leitung von Botschafterin Irene Freudenschuss-Reichl habe das GFSE dazu beigetragen, Wien zu einem Zentrum der internationalen Zusammenarbeit auf dem Energiesektor zu machen. Österreich stehe hierfür auch weiterhin zur Verfügung.

Bereit für IRENA

Ausdrücklich betonte Spindelegger in diesem Zusammenhang den Wunsch Österreichs, Wien zum Sitz der in Gründung befindlichen Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) zu machen. Die Stadt beherberge bereits acht internationale Organisationen im Energiebereich, namentlich die OPEC, den OPEC-Fund, die UNIDO, die Internationale Atomenergieagentur (IAEA), das IIASA, das Energy Community Secretariate zum Aufbau eines gemeinsamen Energiemarktes auf dem Balkan, die Renewable Energy and Energy Efficiency Partnership (REEEP) sowie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Es biete sich an, dass die IRENA die Möglichkeiten dieser „Kompetenzdrehscheibe“ nutze.
In Expertenkreisen werden Österreich immerhin Außenseiterchancen auf die IRENA eingeräumt. Die beiden anderen Kandidaten, Deutschland sowie Abu Dhabi, bewerben sich ebenfalls intensiv. Es gibt jedoch Staaten, die IRENA lieber in einem kleinen und wenig mächtigen Land ansiedeln möchten als in einer wirtschaftlichen Großmacht wie Deutschland oder in einem Mitgliedsstaat der OPEC wie Abu Dhabi.
Ein repräsentativer Sitz für die IRENA stünde in Wien übrigens zur Verfügung, sagte die Geschäftsführerin der Austrian Development Agency (ADA), Brigitte Öppinger-Walchshofer: der Andromeda-Tower in unmittelbarer Nähe zur UNO-City, in der die UNIDO sowie die IAEA ansässig sind. Ausdrücklich gratulierte Öppinger-Walchshofer dem GFSE-Team zu dessen zehnjähriger Tätigkeit: „Wir freuen uns, zum Erfolg des GFSE beigetragen zu haben.“
Was die ADA selbst betrifft, versicherte Öppinger-Walchshofer, diese werde auch in den derzeitigen wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein verlässlicher Partner der Entwicklungsländer bleiben.

:: IMPRESSUM ::