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TECHNOLOGIE DETAILS
Hilfe, nicht Allheilmittel:
Kohlekraftwerke sind noch
längere Zeit unverzichtbar.
CCS hilft, sie möglichst
klimaverträglich zu machen.
Foto: Verbund
CCS: Zwischen Bangen und Hoffen


Briten und Niederländer wollen Vorreiterrolle bei CO2-Anscheidung und –speicherung (CCS) spielen – kein Allheilmittel, aber unverzichtbar - umfassendes Risikomanagement notwendig – Pilotprojekte im Laufen

(Wien, 15.06.2009) Um die Chancen und Risiken der CO2-Abscheidung aus Kraftwerksabgasen sowie deren Speicherung in Gesteinsformationen (Carbon Capture and Storage, CCS) ging es kürzlich bei einem Seminar in der britischen Botschaft in Wien, zu dem die britische und die niederländische Botschaft geladen hatten. Thom Reilly vom Climate and Energy Department des britischen Außenministeriums bezeichnete die gegenwärtige Lage als „dramatisch“. Bis Mitte des Jahrhunderts müsse ein CO2-neutrales Energiesystem aufgebaut werden, und das weltweit. Andernfalls drohten schwerwiegende Konsequenzen. „Wir müssen etwas tun, sonst steigt die globale Durchschnittstemperatur um ungefähr vier Grad. Als wir das letzte Mal derartige Verhältnisse hatten, gab es am Nordpol Alligatoren“, sagte Reilly. Weil aber die Welt nicht auf fossile Primärenergieträger wie Kohle und Erdgasverzichten könne, müssten Wege gefunden werden, um diese CO2-neutral zu machen. Einen solchen Weg böten CCS-Techniken. Dass CCS grundsätzlich funktioniere, sei weitgehend unumstritten. Bereits seit gut einem Jahrzehnt beispielsweise werde CO2 in die untermeerische Utsira-Gesteinsformation im norwegischen Nordsee-Ölfeld Sleipner gepresst. Negative Auswirkungen welcher Art auch immer seien nicht aufgetreten.
Allein Großbritannien investiere in den kommenden Jahren etwa 180 Millionen Euro in vier Pilotprojekte, die EU insgesamt plane, rund 1,05 Milliarden Euro für derartige Anlagen auszugeben, ergänzte Reilly. In Großbritannien wird nach seinen Angaben derzeit über ein 300-Megawatt-Kohlekraftwerk verhandelt, das mit einer CCS-Pilotanlage ausgestattet ist und bereits 2014 in Betrieb gehen soll. Schon Ende April hatte der britische Energieminister Ed Miliband festgestellt, CCS sei die einzige Möglichkeit, um die CO2-Emissionen fossiler Energieträger um bis zu 90 Prozent zu senken. Großbritannien könne, wolle und werde eine führende Rolle bei der Entwicklung dieser Technologien zur Marktreife spielen.
Kostenlos werde CCS nicht zu haben sein. Doch nichts gegen den Klimawandel zu tun, komme aller Wahrscheinlichkeit noch teurer, sagte Reilly unter Hinweis auf den bekannten „Stern Review“ des britischen Ökonomen Nicolas Stern aus dem Jahr 2007.

Globaler Player

Frederik Wisselink vom niederländischen Außenministerium erläuterte, CCS-Technologien seien die einzige Möglichkeit, um die CO2-Emissionen bei der Nutzung von Erdgas und Kohle in der Energiewirtschaft, der Zementindustrie sowie der Eisen- und Stahlindustrie substanziell zu senken. Daher müsse das Thema CCS auch beim Weltklimagipfel in Kopenhagen im Dezember eine wichtige Rolle spielen. Für die Niederlande selbst sei CCS von großer klimapolitischer Bedeutung. Sie verfügten über beträchtliche Speichermöglichkeiten und könnten zu einer Art Umschlagplatz für mit Hilfe von CCS-Technologien erzeugte Produkte wie hochreines CO2 („CCS-Hub“) werden. Jedenfalls gebe es Bestrebungen, ein „globaler CCS-Player“ zu werden. Nicht zuletzt seien daran große niederländische Unternehmen wie der Energiekonzern Shell interessiert. Nach derzeitigen Planungen sollten bis 2015 zwei Pilotprojekte im kommerziellen Maßstab realisiert werden. Ab etwa 2020 könne der kommerzielle Einsatz von CCS erfolgen.
Wisselink warnte indessen davor, die Herausforderungen im Zusammenhang mit CCS zu unterschätzen. Kostenseitig etwa hingen die Entwicklung und der Einsatz derartiger Technologien von der des CO2-Preises ab – und die sei schwer einzuschätzen. Auch gelte es, sorgfältig mit der öffentlichen Meinung umzugehen, offen und transparent zu kommunizieren und allfällige Befürchtungen abzubauen. „CCS ist kein Allheilmittel („silver bullet“), aber es ist unverzichtbar“, resümierte Wisselink.

Offene Fragen

Dieter Beisteiner vom österreichischen Unweltministerium betonte, es gebe im Zusammenhang mit CCS noch eine Reihe offener Fragen, so etwa die der hohen Investitionskosten und des beträchtlichen Energieaufwands. Auch gelte es, allfällige Umweltrisiken noch besser als bisher zu erforschen. Speziell in Österreich werde auch die öffentliche Meinung eine wichtige Rolle bei der Frage der Umsetzung von CCS spielen. Grundsätzlich setze Österreich in Sachen Klimaschutz eher auf Energieeffizienz und erneuerbare Energieträger.

Umfassend überwachen

Unbestritten ist beim Einsatz von CCS-Technologien die Wichtigkeit umfassender Risikoanalysen. Eines der führenden Unternehmen auf diesem Gebiet ist die niederländische TNO. Als ihr Vertreter sagte Cor Hofstee, in Europas Gasfeldern könne eine beträchtliche Menge CO2 untergebracht werden. Sein Unternehmen habe eine ganze Reihe von CCS-Projekten untersucht, um das Risiko möglicher CO2-Austritte aus den vorgesehenen Lagerstätten zu minimieren. Zu deren Erforschung und Überwachung würden modernste 3D-Modelle genutzt, besonderes Augenmerk gelte chemischen Reaktionen des CO2 mit den Gesteinsschichten sowie der Dichte der Bohrlöcher, durch die das Gas ins Gestein eingebracht wird. Eine ganze Reihe von Forschungsprojekten sei im Laufen, unter anderem eines im K12-B-Erdgasfeld in der Nordsee, etwa 150 Kilometer nordwestlich von Amsterdam. Seit 2004 seien dort rund 50.000 Tonnen CO2 etwa 4.000 Meter tief im Gestein gelagert worden, und das sowohl in einem völlig ausgeförderten sowie auch in einem noch in Betrieb befindlichen Teil des K12-B-Felds. Die Technologie bewähre sich. Allerdings gelte es, vor Durchführung eines CCS-Projekts stets eine umfassende Risikoanalyse durchzuführen, um für alle möglichen Herausforderungen gewappnet zu sein.
Ähnlich argumentierte Nicolás Bruidegom vom Energiekonzern Shell. Sein Unternehmen arbeitet derzeit am so genannten Bardendrecht-Pilotprojekt. In dessen Rahmen sollen insgesamt rund 1,5 Millionen Tonnen CO2 in einem ausgeförderten Gasfeld auf dem niederländischen Festland gespeichert werden. Die Bau- und Betriebsgenehmigung erwartet Shell noch heuer. Binnen drei Jahren werde das Feld vollständig mit CO2 befüllt, anschließend beginne die Überwachung der Lagerstätte. Bruidegom: „Nach den umfassenden Analysen im Vorfeld erwarten wir nicht, dass irgendetwas Unvorhergesehenes passiert und CO2 austritt.“ Er spricht von einem „Eisbrecher-Projekt“, insbesondere, um der Öffentlichkeit die Sicherheit von CO2-Speichern nachzuweisen. Bardendrecht sei in dieser Hinsicht von zentraler Bedeutung, weil es sich um einen Speicher auf dem Festland handle, und das in den dicht besiedelten Niederlanden: „Wenn man hier einen solchen Speicher sicher betreiben kann, kann man es überall."

OMV interessiert

Mit Interesse verfolgt das Thema CCS auch die OMV, erläuterte deren Vertreter Leo Bräuer. Sein Unternehmen führt derzeit mit der rumänischen OMV-Tochter Petrom eine Machbarkeitsstudie über CO2-Speicherung durch. Diese betrifft ein Gasfeld, dessen Erdgas einen hohen CO2-Gehalt von etwa 60 Prozent aufweist und das damit laut Bräuer „ein schöner Kandidat“ ist. Der Vorteil: Unweit des Gasfelds befindet sich ein Ölfeld, in das das CO2 eingepresst werden kann, womit die Erdölausbeute steigt. Solche Verfahren sind unter dem Titel „Enhanced Oil Recovery“ seit längerer Zeit bekannt. Weiters beschäftigt sich die OMV mit Studien über höhere Energieeffizienz bei CCS-Technologien. Dies ist wichtig, um die Verfahren rentabler zu machen. Ein eigenes CCS-Projekt der OMV gibt es derzeit noch nicht, sagte Bräuer. Dergleichen sei erst in einigen Jahren geplant.

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