Harte Hand: Der EU-interne Emissionshandel lastet schwer auf der Zementindustrie. Foto: Lafarge
Zementindustrie zieht Bilanz
Aussichten nicht eben rosig – Auslastung bis Herbst gut, danach aber zweifelhaft – Konjunkturpaket für Infrastrukturausbau wichtig – Problem Emissionshandel – hohe Wertschöpfung im Inland, beträchtliche Investitionen in Umweltschutz
(Wien, 12.05.2009) Nicht eben rosig seien die Aussichten für die österreichische Zementindustrie. Das betonten heute der Präsident und der Geschäftsführer des Branchenverbandes VÖZ, Rudolf Zrost und Felix Friembichler, bei ihrer Jahresbilanzpressekonferenz. Laut Zrost ist für heuer mit einem „hohen einstelligen“ Umsatzrückgang zu rechnen, ebenso für kommendes Jahr. Allerdings: Noch bis Herbst sind die Zementfabriken gut ausgelastet, und im vergangenen Jahr wurde mit einer Produktion von rund 6,0 Millionen Tonnen ein ungewöhnlich gutes Ergebnis erzielt. Werksschließungen, Kündigungen von Mitarbeitern oder auch nur Kurzarbeit seien daher vorerst kein Thema.
Handlungsbedarf habe indessen die Bundesregierung, betonte Zrost. Es gebe jede Menge Infrastrukturvorhaben. So müsse eine ganze Reihe von Kraftwerken, insbesondere Wasserkraftwerken, errichtet werden, um den steigenden Strombedarf zu decken. Leider stünden dem Bau die überlangen Genehmigungsverfahren entgegen. Zrost: „Die Regierung müsste sich um raschere Genehmigungen kümmern, und sie müsste so bald wie möglich ein ordentliches Konjunkturpaket beschließen. Sonst ist die Krise schon wieder vorbei, wenn das Paket endlich vorliegt.“ Die bereits beschlossenen 100 Millionen Euro für die thermische Gebäudesanierung brächten durchaus sinnvolle Effekte, etwa eine Reduktion der CO2-Emissionen um drei bis vier Millionen Tonnen pro Jahr. Für die bauliche Sanierung der in einem nicht eben erfreulichen Zustand befindlichen Nachkriegsbauten gebe es jedoch keine Förderung. Und Zrost warnte: „Es hat keinen Sinn, solche Bauten zu dämmen, weil der Dämmstoff nicht hält.“
Problem Emissionshandel
Als eine der größten Herausforderungen für die kommenden Jahre erweise sich nach wie vor der Handel mit CO2-Zertifikaten (Emissionshandel, EU-ETS), ergänzte Zrost. Im vergangenen Jahr habe die Branche Zertifikate (EUAs) für rund 454.000 Tonnen CO2 zukaufen müssen, um ihre Emissionen zu decken. Allein sein Unternehmen, die Leube-Gruppe, kostete das nach Angaben Zrosts gute drei Millionen Euro. Seine Kritik: Der derzeitige Mechanismus für die Zuteilung führe zu nicht gerechtfertigten Ungleichbehandlungen. Notwendig sei stattdessen ein Benchmarking-Modell. In dessen Rahmen müssten jene zehn Prozent der Unternehmen, die technisch am besten ausgestattet sind und daher besonders wenig CO2 emittieren, keine EUAs kaufen, sondern erhielten ihre gesamten Emissionen durch Gratiszertifikate abgedeckt. Im Gegenzug sollten jene zehn Prozent der Unternehmen, die eine besonders alte Technologie verwenden und entsprechend viel emittieren, mehr EUAs erwerben müssen. Zrost: „Nur die haben ja auch die Möglichkeit, technisch etwas zu verbessern und damit ihre prozessbedingten Emissionen zu senken. Die anderen können das einfach nicht.“
Importgefährdet
Als grundsätzlich positiv bewertete Zrost, dass die EU-Kommission die Zementindustrie als importgefährdete so genannte „Carbon-Leakage“-Branche einstufte. Gemeint ist damit, dass ab einem CO2-Preis von rund 30 Euro pro Tonne der Zementbedarf nicht mehr durch heimische Erzeugung gedeckt würde, sondern durch billigere Importe. Industriezweige, auf die ähnliches zutrifft, sollen bei der EUA-Zuteilung in der dritten Handelsperiode (2013 bis 2018) besser behandelt werden als andere. Zrost: „Was das konkret heißt, wissen wir aber noch nicht. Daher ist das noch kein wirklicher Schutz.“
Friembichler ergänzte, die Details bezüglich „Carbon Leakage" würden nach gegenwärtigem Stand nicht auf politischer Ebene ausgehandelt, sondern von den Beamten der EU-Staaten (Komitologie-Verfahren). Und da komme es immer wieder zu unliebsamen Überraschungen: „Wir können nur hoffen, dass die Politik das abstellt und sich die Letztentscheidung doch selbst vorbehält.“
Wichtiger Faktor
Schließlich werde die Bedeutung der Zementindustrie für die Volkswirtschaft gerade auch in Österreich immer noch unterschätzt, stellte Friembichler fest. Was sie tatsächlich leistet, untersuchten kürzlich die plenum Gmbh für ganzheitlich nachhaltige Entwicklung sowie das deutsche Forschungsinstitut Studia-Schlierbach. Ihnen zufolge bewirkte ein Euro Wertschöpfung in der Zementindustrie im Jahr 2007 rund 4,3 Euro Wertschöpfung im In- und Ausland, rund 3,8 Euro davon verbleiben in Österreich. Auch der Beschäftigungseffekt der Zementindustrie kann sich der Studie zufolge sehen lassen: Ein Beschäftigter in der Zementindustrie erschließt demnach vier weitere. Insgesamt hängen damit rund 9.000 Arbeitsplätze von der Zementindustrie ab. In einem wurde der Branche auch noch attestiert, zu jenen zu gehören, die am meisten in Umweltschutzmaßnahmen investieren. Im Jahr 2008 gab die Zementindustrie dafür rund 12,8 Millionen Euro aus. Das entspricht einem Viertel ihrer gesamten Investitionen.