(Wien, 23.02.2009) Um die Entwicklung der Infrastruktur für die Energieversorgung von Städten ging es kürzlich bei der zweitägigen Konferenz „Viennergy 2009“ in Wien. Sara Pasquier von der Internationalen Energieagentur (IEA) erläuterte, etwa ab 2030 würden rund 60 Prozent der Weltbevölkerung in (Groß)städten leben und etwa 73 Prozent der weltweit benötigten Energie verbrauchen. Bereits im Jahr 2006 habe der Anteil der Städte am weltweiten Energiebedarf über 60 Prozent betragen. Auch bei den CO2-Emissionen in den Städten sei ein erheblicher Anstieg zu verzeichnen – von derzeit rund 61 Prozent der weltweiten Emissionen auf etwa 76 Prozent im Jahr 2030. Gut zwei Drittel dieses Anstiegs würden sich in den Entwicklungs- und Schwellenländern abspielen. Immerhin gebe es auch ermutigende Entwicklungen: In der lettischen Hauptstadt Riga etwa sei es gelungen, den Energiebedarf für die Straßenbeleuchtung binnen 15 Monaten um 48 Prozent zu senken.
Salzburger Leitung
Wie die Stadt Salzburg mit den von Pasquier umrissenen Herausforderungen umgeht, berichteten der zuständige Stadtrat Martin Panosch und August Hirschbichler, Mitglied des Vorstandes der Salzburg AG. Panosch sagte, die Stadt sehe sich als „Vorreiter“ in Sachen Energiebedarfskontrolle und habe unter anderem eine internetgestützte Energiebuchhaltung eingeführt. In diese seien rund 2.000 Energiezähler integriert und lieferten ein viertelstundengenaues Bild des Energiebedarfs in den städtischen Gebäuden. Etwa 90 Prozent des gesamten städtischen Energieverbrauchs seien damit erfasst: „Da bleibt kein Leck unentdeckt.“
Seit Sommer 2008 arbeite die Stadt gemeinsam mit der Salzburg AG an einem Computerprogramm, das helfen solle, den Ausbau der Strom-, Gas- Fernwärme- und Wasserleitungen zu optimieren.
Hirschbichler sagte, das Ziel sei eine „Roadmap“ für den Netzausbau bis 2025. Verständlicherweise solle der Infrastrukturausbau in Einklang mit der zu erwartenden Stadtentwicklung erfolgen. Unter anderem gehe es darum, die Gebiete festzulegen, die mit Erdgas bzw. Fernwärme versorgt werden sollten und die Netze entsprechend zu entflechten.
Ein weiteres Thema sei die Einbindung dezentraler Erzeugungseinheiten. In diesem Zusammenhang müssten die Netze auch mit moderner Kommunikationstechnologie zu so genannten „Smart Grids“ umgestaltet werden. Der Salzburg-AG-Vorstand ergänzte, dies mittels einer Kombination dreier Computerprogramme für die Erfassung der Infrastruktur und des Gebäudebestandes werde ein Stadtplan im Raster 250 mal 250 Meter erarbeitet. Für jedes der Quadrate lasse sich die künftige Bedarfsentwicklung und damit der erforderliche Infrastrukturausbau modellieren. Das Modell für den Wärmebedarf sei bereits fertig gestellt, der komplette Stadtplan werde im Feber 2010 vorliegen.
Wiener Modell
Die Vorgangsweise der Stadt Wien schilderte Robert Grüneis, Mitglied des Vorstandes der Wien Energie. Grüneis sagte, Kommunalversorger hätten im Wesentlichen drei Aufgaben: Erstens sollten sie die Versorgungsqualität sichern. Das sei keineswegs einfach, weil die Regulierungsbehörden die Netztarife in seit Beginn der Liberalisierung erheblich gesenkt hätten. Allein seinen Unternehmen entgingen dadurch rund 150 Millionen Euro pro Jahr. Zweitens seien die Kommunalversorger angehalten, Energie möglichst effizient und umweltverträglich herzustellen. Und drittens sollten sie keine Kunden an andere Energieunternehmen verlieren. Das alles sei nicht eben leicht.
Nach weitgehend unumstrittenen Prognosen werde die Bevölkerung der Stadt Wien von derzeit etwa 1,6 Millionen Einwohnern auf etwa zwei Millionen Einwohner im Jahr 2030 anwachsen. Folglich müsse die Infrastruktur entsprechend ausgebaut werden. Etwa 50 Prozent des in der Stadt benötigten Stroms erzeuge die Wien Energie in eigenen Kraftwerken. Um dies mit einem möglichst hohen Wirkungsgrad zu bewerkstelligen, setze das Unternehmen hauptsächlich Kraft-Wärme-Kopplungen (KWK) ein. Voraussichtlich Ende Mai würden die erneuerten Blöcke im Kraftwerk Wien-Simmering in Betrieb gehen. Rund 60 Prozent der bei der Stromerzeugung entstehenden Wärme würden ins Fernwärmenetz eingespeist. Nicht zuletzt solchen Technologien sei es zu danken, dass der Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 in Wien bei etwa 5,5 Tonnen im Jahr liege, verglichen mit elf Tonnen im österreichweiten Durchschnitt.
Um die KWK auch im Sommer mit höchstmöglichem Wirkungsgrad fahren zu können, baue die Wien Energie ihr Fernkältenetz aus. Die Abwärme aus den KWK werde zur Erzeugung von Kälte genutzt, und diese wiederum diene der Klimatisierung von Gebäuden auf umweltverträgliche Weise. Ein angenehmer Nebeneffekt sei, die Kraftwerke über längere Zeit als bisher betreiben und damit mehr Strom erzeugen zu können.
Noch viel zu tun
Boris Papousek, der Geschäftsführer der Grazer Energieagentur, berichtete, viele österreichische Städte hätten bereits erhebliche Anstrengungen unternommen, um ihren Energiebedarf effizient und umweltverträglich zu decken. Dennoch gebe es noch viel zu tun. Er verwies auf eine aktuelle Umfrage seiner Institution im Auftrag des Österreichischen Städtebundes, im Rahmen derer er und seine Mitarbeiter 64 Städte im gesamten Bundesgebiet unter die Lupe nahmen.
Der Umfrage zufolge haben 39 Prozent der Städte Energieleitbilder entwickelt, mit deren Umsetzung begonnen haben 31 Prozent. Gebäude mit klimaschonender Energieversorgung besitzen 29,9 Prozent der Städte. Dieser Anteil soll bis 2010 auf etwa 31,1 Prozent steigen. Rund 50 Prozent der Nachkriegsbauten in den Städten sind bis dato thermisch saniert, bis 2020 sollen es 72 Prozent sein – eine nicht eben berauschende Sanierungsrate, kritisierte Papousek.
Wenig zufriedenstellend sei auch der CO2-Ausstoß in den Städten: Von den befragten 64 hätten gerade einmal neun vergleichbare Daten übermittelt. Sechs davon verzeichneten steigende Emissionen, zwei gleich bleibende Werte. Aus nur einer Stadt wurden fallende CO2-Emissionen gemeldet.