„Übergangstechnologie“: Langfristig will die OMV weg von Öl und Gas, sagt ihr Generaldirektor Ruttenstorfer. Foto: OMV
Energiewirtschaft: Umbau gefragt
Energieexperte Brauner: „Erneuerbare“ mit starken Höchstspannungsnetzen kombinieren - Volkswirtschaftler Schleicher: Energiebedarf auf Niveau von 2005 stabilisieren - Ruttenstorfer: OMV will Strom aus erneuerbaren Energieträgern erzeugen - Öl „nicht die Zukunft“ - Deutscher Energiewirtschaftler: „viel Schatten“ bei der Solarenergie
(Wien, 16.02.2009) Bei Fortsetzung der derzeitigen Verbrauchstrends kann Österreich sein Ziel, bis 2020 mindestens 34 Prozent seines Gesamtenergiebedarfs durch erneuerbare Energieträger zu decken, nicht erreichen. Das bestätigte der bekannte Energiewirtschaftsexperte Günther Brauner bei der Internationalen Energiewirtschaftstagung (IEWT) in Wien. Brauner erläuterte, derzeit steige der Energiebedarf zwei Mal so schnell wie die „Erneuerbaren“ ausgebaut würden. Den Ausbau zu beschleunigen, nütze längerfristig jedoch wenig, weil die Potenziale keineswegs unbegrenzt seien. Daher seien Bedarfsbeschränkungen unausweichlich: „Wir müssen lernen, so weit wie möglich mit der Energie auszukommen, die wir lokal erzeugen können. Das wird nicht einfach sein, aber wir haben keine andere Wahl.“ Ergänzend dazu müssten die europäischen Leitungsnetze, insbesondere diejenigen für Strom, ausgebaut werden. Notwendig seien sogenannte „Supergrids“, Höchstspannungs-Übertragungsnetze mit Spannungen von rund 1.000 Kilovolt. Über diese könnten Leistungen von 32 Millionen Kilowatt mit ökonomisch vertretbarem Aufwand quer durch Europa übertragen werden. Auf diese Weise lasse sich beispielsweise die Erzeugung der geplanten riesigen Windparks in küstennahen Meeresgebieten („Offshore“-Windparks) problemlos im europäischen Netz unterbringen.
In den USA sei dergleichen ebenfalls geplant, sagte Brauner: Dort soll Strom aus neuen großen Gas-und-Dampfkraftwerken über „Supergrids“ die stark schwankende Stromerzeugung mithilfe von Windkraftanlagen ausgleichen. Für Europa schwebt Brauner folgendes Szenario vor: Große Wasserkraftwerke in Nordeuropa sowie in gebirgigen Regionen wie Österreich, Solarkraftwerke in Südeuropa sowie Windparks in Offshorebereichen ergänzen einander und sichern so eine weitgehend auf erneuerbaren Energien basierende Stromversorgung. Insbesondere der Photovoltaik misst Brauner längerfristig große Bedeutung zu: "Wir sind erst am Anfang der Solarzeit."
Energiecrash
Ähnlich argumentierte der renommierte Volkswirtschaftler Stefan Schleicher. Er forderte, vom „Forecasting“ zum „intelligenten Backcasting“ überzugehen und erläuterte das so: „Ziele wie das 34-Prozent-Ziel sind vorgegeben. Wir müssen daher von diesen Zielen auf den heutigen Stand zurückrechnen. Auf diese Weise sehen wir, was wir tun müssen, um dort hin zu kommen, wo wir hin wollen.“ Laut Schleicher ergibt sich daraus folgendes: „Wir müssen den Energiebedarf auf dem Niveau von 2005 stabilisieren. Andernfalls haben wir keine Chance, das 34-Prozent-Ziel zu erreichen.“ Erforderlich seien innovative Technologien und Produkte von der Elektromobilität über Gebäude mit minimalem Heizwärmebedarf bis zu neuartigen Werkstoffen, die unter anderem für Fahrzeuge in Leichtbauweise eingesetzt werden könnten. Auch die bestehenden Marktmechanismen gehörten geändert: „Erfolge dürfen nicht mehr nur am finanziellen Gewinn gemessen werden.“ Statt dessen seien auch ökologische sowie soziale Kriterien zu beachten.
Ohne Verluste werde das aber voraussichtlich nicht abgehen, warnte Schleicher: „Im Energiesektor könnte es einen ähnlichen Crash geben, wie wir ihn im Finanzsektor gesehen haben. Vielleicht kommen wir ja dann zu Bewusstsein.“
"Öl ist nicht die Zukunft"
Unterdessen sehen sich manche österreichischen Unternehmen bereits auf dem richtigen Weg. OMV-Generaldirektor Wolfgang Ruttenstorfer sagte bei der IEWT, das Erdölgeschäft sei „nicht die Zukunft“. Sein Unternehmen wolle sich zu einem Erzeuger von Strom aus erneuerbaren Energien entwickeln. Das sei erforderlich, wenn die OMV in 20 Jahren noch eine bedeutende Rolle auf den europäischen Energiemärkten spielen wolle. Der Bau von Erdgaskraftwerken in Deutschland und Österreich sei ein erster Schritt in diese Richtung: „Für uns ist Erdgas eine Übergangstechnologie für die nächsten 30 bis 50 Jahre. Bis da hin wollen wir die erneuerbaren Energien zur Marktreife führen.“
Umstrittene Sonne
Eine Technologie hat dabei besondere Probleme, erläuterte Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI): die Photovoltaik, bei der es „viel Schatten“ gebe. Sie habe allein die deutschen Endverbraucher in den Jahren 2000 bis 2007 rund 30,6 Milliarden Euro gekostet, bis 2010 sei eine Gesamtfördersumme von 63,34 Milliarden Euro zu erwarten. Gebracht habe das wenig: Die CO2-Einsparung durch Solarstrom koste etwa 760 Euro pro Tonne, laut Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) sogar rund 1.000 Euro. Auch würden kaum zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, wenn nicht sogar welche verloren gingen. Und jeder der nach Angaben des deutschen Bundesverbands Solarwirtschaft entstandenen 35.000 Jobs werde via Solarenergieförderung mit rund 153.000 Euro subventioniert. Zum Vergleich: Einen Arbeitsplatz im Kohlebergbau unterstütze die Öffentlichkeit nur mit 70.000 Euro. Dabei gelte die Förderung des deutschen Steinkohlebergbaus als „Paradebeispiel für eine verfehlte staatliche Subventionspolitik“.
Auch von technologischen Fortschritten könne keine Rede sein. Zwar sinken in Deutschland die Vergütungen für Solarstrom heuer um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aber das bringe die Erzeuger dazu, nicht die beste Technologie einzusetzen, sondern lediglich Standardtechnologien. Auf diese Weise wollten sie sich „die heute gültigen hohen Vergütungssätze auf 20 Jahre sichern.“ Frondels Resümee: Es sei sinnvoll, zuerst Forschung und Entwicklung in Sachen Stromerzeugung aus Solarenergie zu fördern und erst dann die Verbreitung. Das empfehle die IEA übrigens schon sei Jahren.