Lebende vertrauensbildende Maßnahme: Genscher beim EPAMEDIA-Symposium Foto: EPAMEDIA
Genscher: Kooperation als Vision Europas für die Welt
Ehemaliger deutscher Außenminister bei EPAMEDIA-Symposium in Wien – weltweite Märkt brauchen weltweite Regeln – Weltfinanzgipfel in Washington am kommenden Wochenende „spät, aber nicht zu spät“ – Finanzkrise als Chance, um „Schicksalsfragen“ zu lösen
(Wien, 12.11.2008) Für den weltweiten Markt seien weltweite Regeln nötig sowie die Möglichkeit, Regelverstöße wirksam zu ahnden. Die derzeitige Finanzkrise biete die Möglichkeit, solche zu schaffen. Das sagte der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher gestern Abend bei einem Symposium des Außenwerbungsunternehmens EPAMEDIA in Wien. Genscher erläuterte, in den vergangenen Jahren habe die US-amerikanische Regierung über ein „Telefon mit einer Sprechmuschel, aber ohne Hörmuschel“ verfügt.
Mit dem Amtsantritt des designierten Präsidenten Barack Obama ändere sich dies. Obama sei soeben dabei, sein Programm zu konkretisieren und sein Regierungsteam zusammenzustellen. In dieser Situation habe die EU die Gelegenheit, ihre Erwartungen und Vorstellungen an die künftige US-Regierung darzulegen. Es gelte, diese Chance zu nutzen: „Europa kann und muss die Vision einer auf den gemeinsamen Vorteil aller Staaten und ihrer Bürger ausgerichteten Zusammenarbeit formulieren. Das ist seine historische Mission.“
Genscher, der in der Zeit des Kalten Krieges als „lebende vertrauensbildende Maßnahme“ galt, sagte, die Welt stehe vor drei alternativen Möglichkeiten einer Neuordnung:
Die erste sei ein „globales Chaos“ ohne Verantwortung und ohne rechtliche Regeln, in dem das „Recht“ des Stärkeren gelte.
Bei der zweiten handle es sich um die „Illusion, ein Staat allein könne alle anderen dominieren“. Diese Ansicht sei in den vergangenen Jahren von der Regierung Bush in Washington vertreten worden.
Die dritte Alternative sei die einer „globalen Zusammenarbeit. Und das ist die europäische Alternative.“ Gefragt sei „nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärkung des Rechts.“
„Schicksalsfragen lösen“
Bezug nehmend auf den Weltfinanzgipfel am kommenden Wochenende in Washington konstatierte Genscher, dieser finde „spät, aber nicht zu spät“ statt. Leider nähmen daran nur die etablierten Industriestaaten teil, nicht aber die neuen Wirtschaftsmächte wie Indien, China und Brasilien. Weiters fehlten – im Gegensatz zur EU – andere wichtige Regionalkooperationen wie die ASEAN und der Golf-Kooperationsrat. Von einer nennenswerten Vertretung des afrikanischen Kontinents könne schon gar keine Rede sein. Dennoch biete das Treffen zum Zeitpunkt der Finanzkrise die Chance, „unsere Schicksalsfragen zu lösen.“
Zu diskutieren seien keineswegs nur aktuell erforderliche Maßnahmen zur Krisenbewältigung, sondern gerade auch die längerfristigen Perspektiven im Sinne einer neuen, auf Zusammenarbeit ausgerichteten Weltordnung. Nicht zuletzt gehöre dazu auch eine neue „Welt-Energieordnung.“ Natürlich könne eine solche auch mit Waffengewalt geschaffen werden. „Ich hoffe allerdings zutiefst, dass an so etwas niemand ernsthaft denkt“, betonte Genscher.
Bereits vor 20 Jahren habe der damalige sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow in einer Rede vor der UNO-Vollversammlung festgestellt, die Menschheit stehe vor drei Herausforderungen: dem Klimawandel, der Bekämpfung von Unwissenheit und Hunger sowie der Abrüstung insbesondere im Bereich der Kernwaffen. Es gelte, sich dessen wieder zu besinnen und dem entsprechend gemeinsam zu handeln.
20 Jahre in Osteuropa
Zu dem Symposium geladen hatte die EPAMEDIA aus Anlass ihres Eintritts in den osteuropäischen Markt vor 20 Jahren. Das erste Land in der Region, in der das Unternehmen tätig wurde, war Ungarn. Geschäftsführer Heinrich Schuster sagte, am Erfolg der EPAMEDIA in Osteuropa habe indirekt auch Genscher seinen Anteil: Ohne den Fall des Eisernen Vorhangs, zu dem Genscher maßgeblich beigetragen habe, „wäre unser Ungarn-Ausflug schnell zu Ende gewesen.“ Und erst die positive Geschäftsentwicklung in Ungarn habe ihn, Schuster, zur Expansion in weitere Länder im osteuropäischen Raum ermutigt.
Im Jahr 2007 erwirtschaftete die EPAMEDIA rund 56,4 Prozent ihres Jahresumsatzes von etwa 133,1 Millionen Euro in Osteuropa. Für heuer rechnet Schuster mit einem weiteren Umsatzwachstum auf rund 180 bis 200 Millionen Euro, von denen etwa 64,3 in der Region erwirtschaftet werden. Außer in Ungarn ist die EPAMEDIA in Osteuropa in Bulgarien, Kroatien, der früheren jugoslawischen Republik Mazedonien (FYROM), Moldawien, Polen, Rumänien, der Slowakei, Slowenien und der Tschechischen Republik tätig. Verhandelt wird derzeit über den Markteintritt in Albanien. Eine Entscheidung könnte laut Schuster um die Jahreswende fallen.