:: Home
::
Nachrichten
Suche
 
::
Wirtschaft
::
Wissenschaft
::
Technologie
::
Energie
::
Abfall
::
Politik
::
Global
::
Service
::
Abo
WIRTSCHAFT DETAILS
Besser in Europa: nicht überall
wird Zement so klimaschonend
hergestellt wie in der EU.
Foto: Lafarge
Zementindustrie: Neue Technik für das Klima


Weniger CO2-Emissionen durch Klinker- und Energieeinsparung – Weiterentwicklung moderner Rauchgasreinigungsanlagen zum Einsatz bei Zement-Hochöfen – dadurch massives Senken der Stickoxidemissionen

(Wien, 23.10.2008) Mit neuen Technologien will die österreichische Zementindustrie den Herausforderungen durch die europäische Klima- und Energiepolitik begegnen. Das teilten Vertreter der Vereinigung der österreichischen Zementindustrie (VÖZ) gestern in Wien mit. Mit CO2-Emissionen von rund 642 Kilogramm pro Tonne Zement gehört die österreichische Zementindustrie weltweit unbestrittener Maßen zu den klimaverträglichsten Vertretern ihrer Branche. Zum Vergleich: In China werden pro Tonne Zement rund 830 Kilogramm CO2 emittiert, in den USA sogar 925 Kilogramm. Dennoch strebt die österreichische Zementindustrie eine weitere Senkung der Emissionen an. Insgesamt gibt es dazu drei Initiativen:
  • CO2-sparender Zement. Damit ist gemeint, dass der Klinkeranteil im Zement von derzeit etwa 72 Prozent ohne Qualitätsverlust auf unter 60 Prozent gesenkt werden soll. Der Klinker sorgt dafür, dass der Zement rasch und gut aushärtet und ist für den Großteil der prozessbezogenen CO2-Emissionen bei der Zementherstellung verantwortlich. Die prozessbedingten Emissionen wiederum machen etwa zwei Drittel der bei der Zementproduktion auftretenden CO2-Emissionen aus. Gelingt es, Zement mit einem geringeren Klinkeranteil zu erzeugen, würden damit auch die prozessbedingten Emissionen sinken.
  • Steigerung der Energieeffizienz. Dies dient dazu, die energiebedingten CO2-Emissionen bei der Zementherstellung zu senken.
  • Selektive Katalysatortechnik (SCR). Mit deren Hilfe sollen die Emissionen an Stickoxiden aus der bei der Zementherstellung entstehenden Abluft von derzeit 500 Milligramm pro Kubikmeter auf weniger als 200 Milligramm pro Kubikmeter gesenkt werden. SCR-Technologien sind in Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen (MVA) bereits seit längerem im Einsatz. Nun sollen diese auch für Zementwerke adaptiert werden. Wie der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der VÖZ und Geschäftsführer der Lafarge Perlmooser GmbH in Österreich, Thomas Spannagl, sagte, sind zwei Pilotprojekte vorgesehen, eines davon im Kirchdorfer Zementwerk in Oberösterreich, das zweite im Lafarge-Werk in Mannersdorf in Niederösterreich. Bei letzterem handelt es sich um eines der beiden weltweiten SCR-Pilotprojekte des Lafarge-Konzerns, ergänzte Spannagl. Das zweite Projekt wird in den USA durchgeführt. Die beiden österreichischen Vorhaben sollen bis etwa 2011 realisiert werden. Rund zwei Jahre später werden laut Spannagl belastbare Ergebnisse hinsichtlich der Wirkung der Technologie vorliegen. Allein das Kirchberger Zementwerk (Jahresumsatz rund 24 Millionen Euro) wird bis dahin rund zwölf Millionen Euro in die weitere Verbesserung seiner umwelttechnischen Ausstattung investieren.
    Eine der technischen Herausforderungen für den Einsatz von SCR in Zementwerken besteht darin, eine geeignete Filtertechnik zu entwickeln. Die in Kraftwerken und MVA verwenden Wabenfilter. Wegen des hohen Staubanteils in der Abluft von Zementwerken würden diese aber binnen kurzem verstopft und damit wirkungslos werden.
    Umweltpolitisch wichtig ist die NOx-Reduktion, weil dieses Gas eine der Vorläufersubstanzen von Ozon ist. Laut National Emission Celings-Richtlinie der EU (NEC-Richtlinie) muss Österreich bereits bis 2010 seine NOx-Emissionen hinetwa halbieren. Wie dies erfolgen soll, wurde vom Umweltministerium bis dato nicht bekannt gegeben. Eine freiwillige Vereinbarung in diesem Zusammenhang erzielte die Elektrizitätswirtschaft.
    Eine der neuesten technischen Entwicklungen sind Anlagen, die Lachgas (N2O), ein wichtiges Klimagas, sowie NOx gleichzeitig entfernen. Die erste davon ist seit vier Jahren bei der Agrolinz-Melamine (AIM) im Einsatz. Weltweit gibt es zehn Nachfolgeprojekte, mit denen insgesamt 7,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr vermieden werden. Das Gesamtpotenzial schätzt der bekannte deutsche Anlagenchemiker Thomas Turek auf 120 Millionen Tonnen.

Ressourcen schonen

Rudolf Zrost, der Vorstandsvorsitzende der VÖZ, sagte, die Zementindustrie wolle ihren Standort Österreich sichern, indem sie ressourcenschonend und energieeffizient produziere und die Forderungen der Umweltpolitik nach besten Können erfülle. Allerdings sei die Situation nicht einfach. Voraussichtlich müsse die Branche ab der 2013 beginnenden dritten Periode des EU-internen Emissionshandels (EU-ETS) zwischen 15 und 20 Prozent der ihr zugestandenen Emissionszertifikate (EUAs) ersteigern. Bis 2020 solle dieser Anteil auf 100 Prozent anwachsen. Dies würde dazu führen, dass Zementimporte aus Ländern mit weniger strengen klimapolitischern Vorgaben rentabel würden. Anders gesagt: Außerhalb der EU würde Zement mit erheblich höheren CO2-Emissionen produziert und anschließend importiert („Carbon leakage“). Die Folge sei ein Verlust von rund 31.500 Arbeitsplätzen in der EU eine weltweit um bis zu 44 Millionen Tonnen schlechtere CO2-Bilanz. Und auch wenn die 44 Millionen Tonnen bei den jährlich weltweit emittierten acht Milliarden Tonnen CO2 nicht stark ins Gewicht fallen – unnötig sind sie allemal. Zrost fordert deshalb dreierlei:

  • Erstens müsse die Zementindustrie als potenziell importgefährdete Industrie anerkannt werden. Solche Branchen sollen laut derzeitigen Vorschlägen auf EU-Ebene auch über 2020 hinaus Gratis-EUAs bekommen.
  • Zweitens soll die Zuteilung an die Anlagen auf Grund branchenspezifischer Benchmarks erfolgen: Anlagen wie die österreichischen, die im internationalen Vergleich bereits besonders wenig CO2 pro Tonne Zement emittieren und auf dem neuesten Stand der Technik sind, würden im Fall einer solchen Regelung besser behandelt.
  • Drittens sollen von „Carbon leakage“ betroffene Anlagen keine Zertifikate ersteigern müssen.


:: IMPRESSUM ::