(Wien, 17.07.2008) Die Förderung des Ausbaus von Fernwärme- und Fernkältenetzen in Ballungsräumen ist klimapolitisch sinnvoll und „sollte weiterverfolgt werden“. Das sagte der Wiener Meteorologe und Klimaforscher Herbert Formayer heute bei der Vorstellung einer Untersuchung zu den Auswirkungen des Klimawandels auf das Gebiet der Bundeshauptstadt. Am vergangenen Donnerstag hatte der Nationalrat das sogenannte „Wärme- und Kälteleitungsausbaugesetz“ beschlossen, mit dem laut Fachverband Gas Wärme
(FGW) 60 Millionen Euro für entsprechende Förderungen zur Verfügung stehen. Dem FGW zufolge können damit die CO2-Emissionen jährlich um bis zu drei Millionen Tonnen reduziert werden.
Bei dem heute vorgelegten Papier handelt es sich nach Angaben Formayers um den auf Wien bezogenen Teil einer umfassenderen Studie, die er mit mehreren Kollegen von der Universität für Bodenkultur (BOKU) im Auftrag der Organisation Global 2000 aus vorhandenem Material erstellt hatte. Ausdrücklich verwies Formayer in diesem Zusammenhang auf zwei Studien, die BOKU-Experten für die Stadt Wien erarbeitet hatten.
Mehr Hitzetage
Der Wissenschaftler erläuterte, in den kommenden Jahrzehnten sei mit einer weiteren Zunahme der Zahl der Sommertage (Tage mit über 25 Grad Celsius Höchsttemperatur) sowie der Hitzetage mit über 30 Grad Celsius Höchsttemperatur zu rechnen. Habe es in Österreich während des Ersten Weltkrieges durchschnittlich noch rund zwei Hitzetage pro Jahr gegeben, seien es derzeit bereits rund 15. Wegen der „großräumig dichten Bebauung und dem geringen Anteil an Grünflächen“ seien Städte wie Wien von dieser Entwicklung besonders betroffen. Es sei hoch an der Zeit, darauf zu reagieren.
Der Experte ergänzte, derzeit würden Gebäude zumeist mit energieintensiven Systemen wie Klimaanlagen gekühlt. Das müsse sich ändern. Gefragt seien „architektonische Lösungen“, insbesondere auch bei der Altbausanierung. „Zu hinterfragen“ ist laut Formayer der Bau von Hochhäusern mit Glasfassaden. Sie würden fast ausschließlich mit Strom verbrauchenden Klimaanlagen gekühlt, weil beispielsweise die Beschattung mit Außenjalousien aufgrund hoher Windgeschwindigkeiten nicht möglich sei.
Energie und Klima
Problematisch ist laut Formayer, dass damit der Strombedarf im Sommerhalbjahr wächst. Aus Wasserkraftwerken könne dieser aber schwerlich noch im bisher gewohnten Ausmaß gedeckt werden. Denn Niederschläge träten künftig vermehrt im Winterhalbjahr auf. Schmelzwasser könne dies langfristig nicht ausgleichen, weil die Gletscher kleiner würden. Thermische Kraftwerke wiederum benötigten Kühlwasser, das möglicherweise ebenfalls nicht mehr im bisherigen Ausmaß zur Verfügung stehe. Nicht zuletzt deshalb sei auch der Import von Strom aus anderen europäischen Ländern keine Lösung. Formayer: „Wir müssen die Energieeffizienz auf allen Ebenen massiv steigern und unnötigen Stromverbrauch vermeiden.“ Grundsätzlich helfe alles, was den Energieverbrauch senke, auch bei der Anpassung an den Klimawandel.
Gefragt sei eine Kombination aus dezentralen Erzeugungsanlagen auf Basis erneuerbarer Energien sowie „großräumigen Lösungen“. Für denkbar hält er, in den Wüstengebieten Afrikas Strom zu erzeugen und via Hochspannungsleitungen nach Europa zu transportieren.
Infrastrukturschäden
Generell zu wenig beachtet wird laut Formayer bisher das Problem möglicher Infrastrukturschäden durch den Klimawandel. So könnten sich beispielsweise Betonplatten für den Autobahnbau bei großer Hitze verziehen. Grundsätzlich „hitzegefährdet“ seien auch Schienen, Stromleitungen sowie Kanal- und sonstige Wasserbauten.
Wien reagiert
Die Reaktion der Stadt Wien folgte prompt: In einer Aussendung hieß es, die Stadt kämpfe „auf allen Ebenen für eine Reduktion der klimaschädlichen Gase“, stelle sich den „enormen Herausforderungen“ und arbeite an „Strategien und Maßnahmen, um auf die geänderten Rahmenbedingungen zeitgerecht zu reagieren.“ Allein für den Ausbau der Solarenergie stehe eine Million Euro pro Jahr zur Verfügung. Schon seit 1999 gebe es das Klimaschutzprogramm KliP, dessen überarbeitete Version („KliP II“) 2009 beschlossen werden soll. Jährlich spare die Stadt damit rund 2,7 Millionen Tonnen Treibhausgase (CO2-Äquivalente). Grünräume würden streng geschützt und laufend erweitert. Darüber hinaus fördere die Stadt das Begrünen von Innenhöfen und Dächern.
Und was die Anpassung der Bausubstanz an den Klimawandel betreffe, sei erst am 12. Juli die neue Bautechnikverordnung in Kraft getreten. Diese enthalte gegenüber den bisherigen Bestimmungen „höhere Anforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden, sowohl im Neubau als auch im Bereich der Sanierung.“