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GLOBAL DETAILS
Massiv senken: Laut Experten
müssen die CO2-Emissionen
bis 2050 um 80 Prozent
reduziert werden.
Foto: Creative Collection
Klimapolitik: Vorreiter mit Schwächen


Die Rolle der EU in der internationalen Klimapolitik bleibt umstritten, zeigte eine Podiumsdiskussion in Wien.

(Wien, 01.07.2008) „Die Wirtschaft ist ein Subsystem des Planeten, nicht der Planet ein Subsystem der Wirtschaft. Leider wird das bei den Diskussionen über den Klimawandel bisweilen vergessen.“ Das sagte die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb gestern bei einer Podiumsdiskussion im Albert-Schweitzer-Haus in Wien. Kromp-Kolb erläuterte, angesichts der weiterhin ungebremst wachsenden CO2-Emissionen stünden „enorme Änderungen“ bevor: „Es wird nicht nur um ein paar Grad wärmer. Es wird ein völlig anderes Klima, und das noch in diesem Jahrhundert.“ Voraussichtlich werde die globale Durchschnittstemperatur um mehr als 3,6 Grad steigen.

Land unter

Auswirkungen habe dies vor allem auf den Anstieg des Meeresspiegels. Der Weltklimabeirat IPCC gehe in seinem 2007 erschienenen 4. Assessment-Report von einem Anstieg von weniger als einem Meter bis zum Ende des Jahrhunderts aus. Allerdings warne das IPCC, dass viele Mechanismen im Zusammenhang mit dem Schmelzen des grönländischen und antarktischen Inlandeises noch nicht ausreichend erforscht seien. Aktuelle Daten deuteten darauf hin, dass dieses Abschmelzen schneller verlaufe als bisher angenommen. Kromp-Kolb: „Das bedeutet, der Meeresspiegel könnte bis etwa 2100 um mehr als einen Meter steigen.“ In der Folge könnten etwa 150 bis 200 Millionen Menschen gezwungen sein, Küstenregionen aufzugeben. Städte wie Alexandria (Ägypten) seien möglicherweise von der Überflutung bedroht.

Wie viel für wie viele?

Nötig, um mit dem Klimawandel zu recht zu kommen, seien sowohl Anpassungsmaßnahmen als auch Maßnahmen, um die Emissionen an Treibhausgasen (THG) zu senken. In beiderlei Hinsicht gebe es auch Ansätze, doch diese beschränkten sich im Wesentlichen auf die Entwicklung neuer Technologien, sagte Kromp-Kolb. Dies sei auch wichtig, reiche indessen bei weitem nicht aus, um die kommenden Probleme zu bewältigen. Notwendig sei ein grundlegender Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. „Noch immer redet niemand darüber, welchen Lebensstil wir uns für wie viele Menschen leisten können“, kritisierte Kromp-Kolb.

Falsche Schrauben

Die Europäische Union beispielsweise nehme das Problem Klimawandel zwar durchaus ernst. Auch sie setze zu dessen Lösung aber ausschließlich auf Technologien, darunter auch bedenkliche, wie die Kernkraft sowie die unterirdische Lagerung von CO2 aus Kraftwerksabgasen (Carbon Capture and Storage, CCS). Statt tatsächlich fundamentale Änderungen einzuleiten, „dreht die EU an sehr kleinen Schrauben, und das zur Teil auch noch in die falsche Richtung.“

Neuorientierung

Dieser These Kromp-Kolbs widersprach Mechthild Rothe, die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. Die SPD/SPE-Parlamentarierin betonte, gerade der Lissabon-Vertrag zeige die im Gang befindliche Neuorientierung der EU. In diesem Vertrag werde ausdrücklich auf das Thema Nachhaltigkeit Bezug genommen. Und das am 23. Jänner präsentierte Energie- und Klimapaket der EU-Kommission zeige klar das Bekenntnis der Gemeinschaft zum Ausbau der erneuerbaren Energien.
Das Paket sieht vor, den Energiebedarf und die THG-Emissionen der EU bis 2020 um jeweils 20 Prozent zu senken sowie den Anteil der erneuerbaren Energieträger an der Deckung des Gesamtenergiebedarfs von derzeit rund zehn auf mindestens 20 Prozent zu steigern.

Knackpunkt „Effort Sharing“

Entscheidend im Zusammenhang mit dem Energie- und Klimapaket sei das Herunterbrechen der darin enthaltenen Ziele auf die einzelnen Mitgliedsstaaten, stellte die grüne EU-Parlamentarierin Eva Lichtenberger fest. Leider schöben einander die Regierungschefs und Fachminister im Rat noch immer gegenseitig die Verantwortung für das Erreichen der Ziele zu, statt endlich im Namen der jeweils von ihnen vertretenen Staaten „starke“ Verpflichtungen einzugehen. Angesichts der bevorstehenden „gigantischen Aufgaben“ sei das untragbar.

Für den Agrosprit

Zweifellos sei die Lage ernst. Doch gebe es auch Personen, die den Problemen entgegenwirkten, versicherte der Klimasprecher der ÖVP im Nationalrat und Obmann des niederösterreichischen Bauernbundes, Hermann Schultes. So sei der verstärkte Einsatz der Landwirtschaftsvertreter für Kraftstoffe aus pflanzlichen und tierischen Rohstoffen (Agrosprit) vielleicht ein unvollkommener Schritt. Er führe aber in die richtige Richtung. Daher solle die EU am Ziel festhalten, zehn Prozent ihres Kraftstoffbedarfs mittels erneuerbarer Energieträger zu decken.
Dieses Ziel geriet in den vergangenen Monaten unter Kritik, weil Agrosprit zum Teil negative Auswirkungen auf die Umwelt hat. Insbesondere Agrodiesel aus Raps ist in diesem Zusammenhang heftig umstritten.

Vorreiter EU

Weltweit betrachtet, sei die EU immer noch als Vorreiter in Sachen Klimapolitik zu bezeichnen, sagte Jürgen Schneider, der Programmleiter Wirtschaft und Wirkung des Umweltbundesamtes (UBA). Das Energie- und Klimapaket sei zweifellos zu wenig, um mit den globalen Herausforderungen fertig zu werden, aber besser als nichts. Langfristig müssten die Industriestaaten ihre THG-Emissionen jedoch um etwa 80 Prozent senken. Die EU könne als „Zugpferd“ in diese Richtung wirken.

Keine Trendwende

Weniger zuversichtlich gab sich die Klimareferentin von Global 2000, Silva Hermann. Die EU nehme ihre klimapolitische Führungsrolle immer schwächer wahr. Nicht zuletzt deshalb könne von einer Trendwende bei der Entwicklung der weltweiten THG-Emissionen keine Rede sein.

Soziale Verwerfungen

Verhalten optimistisch zeigte sich dagegen Andreas Wabl, der Klimabeauftragte Bundeskanzler Alfred Gusenbauers. Die EU werde die im Energie- und Klimapaket enthaltenen Ziele voraussichtlich erreichen. Jedoch seien „erhebliche soziale Verwerfungen“ zu befürchten. Es bestehe die Gefahr, dass sich die Wohlhabenden auf globaler wie auch auf nationalstaatlicher Ebene gegenüber den weniger wohlhabenden Bevölkerungsschichten abschotteten. Dem sei mit verstärkter Demokratisierung der Gesellschaft entgegen zu wirken.

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