:: Home
::
Nachrichten
Suche
 
::
Wirtschaft
::
Wissenschaft
::
Technologie
::
Energie
::
Abfall
::
Politik
::
Global
::
Service
::
Abo
GLOBAL DETAILS
Foto: Christof Hahn
Interview: Keine Angst vom Klimaschutz


Helga Kromp-Kolb, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Klima- und Energiefonds der österreichischen Bundesregierung (KLI.EN) über die Verwendung der darin vorgesehenen Mittel, Strategien zur Anpassung an den Klimawandel und deren Auswirkungen auf die Lebensqualität.

UWS: Sie wurden von Umweltminister Josef Pröll als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Klima- und Energiefonds der Bundesregierung nominiert. Wie lautet Ihr Auftrag?
Kromp-Kolb: Der Herr Bundesminister hat mir keinen konkreten Auftrag gegeben, der ressortspezifisch ist. Der Beirat klärt derzeit, was er wirklich tun kann. Die Entscheidungen fällt ja das Präsidium des Fonds.

UWS: Wie definieren Sie selbst Ihre Aufgabe?
Kromp-Kolb: Der Fonds soll die Klimaschutzmaßnahmen einen Sprung vorwärts bringen. Das sicherzustellen, sehe ich als meine Aufgabe. Es geht darum, bei allen Programmen, die der Fonds fördert, die Frage zu stellen: Ist das geeignet, den Klimaschutz bestmöglich voranzubringen?

UWS: Der Fonds ist mit bis zu 500 Millionen Euro bis 2010 dotiert, bisher genehmigt wurden 200 Millionen. Wie sollen diese in Ihrem Sinn „bestmöglich“ eingesetzt werden?
Kromp-Kolb: Ohne den Abstimmungen vorgreifen zu wollen: Es muss um neuartige Programme gehen, nicht um die 25. Variante der selben Sache. Und es soll auf keinen Fall Dauersubventionen geben.

UWS: Sind Sie die Lobbyistin der Forschung in diesem Gremium? Sie forderten ja schon im Herbst 2006 mehr Geld für die Klimaforschung. Jetzt können Sie auf die Mittelvergabe Einfluss nehmen.
Kromp-Kolb: Ich sehe mich für die langfristigen Ziele des Fonds verantwortlich, zu denen auch die Forschung gehört. Aber ich bin ja nicht die einzige Forscherin im Beirat. Daher glaube ich nicht, dass es nötig ist, besonders zu lobbyieren. Wichtig ist, dass es erstmals auch Geld für die Klimafolgenforschung gibt, nicht nur für technologisch ausgerichtete Programme. Dafür habe ich mich eingesetzt und werde das weiterhin tun. Denn wir müssen entscheiden, wie wir mit dem ja stattfindenden Klimawandel umgehen, wie wir uns an ihn anpassen.

UWS: Der UNO-Klimabeirat IPCC sagt in seinem heuer erscheinenden 4. Assessment Report, die Anpassung sei im Wesentlichen ein politisches sowie ein finanzielles Problem. Eine mögliche Folgerung ist: Sorgen wir für kräftiges Wirtschaftswachstum. Dann haben wir genug Geld, um mit dem Klimawandel fertig zu werden.
Kromp-Kolb: Nicht alle Probleme lassen sich mit Geld lösen. Gewisse Pflanzen wachsen eben nur unter bestimmten Bedingungen. Wenn in Uganda die Temperatur um zwei oder drei Grad steigt, kann in einigen Gebieten kein Kaffee mehr angebaut werden, der eines der wichtigsten Exportgüter des Landes ist. Da muss sich die Wirtschaft komplett umstellen. Und wenn beispielsweise in Bangladesh Millionen von Menschen abgesiedelt werden müssen, weil der Meeresspiegel steigt, ist das eine andere Dimension von Anpassung, als wenn bei uns ein bisschen mehr Geld für die thermische Sanierung von Gebäuden oder für Lawinen- und Murenschutz benötigt wird.

UWS: Die UNO erwartet eine Erd- erwärmung von 1,8 bis vier Grad Celsius. Sie fordert die Stabilisierung unterhalb von zwei Grad. Warum gerade zwei Grad?
Kromp-Kolb: Die zwei Grad sind ein Bereich, in dem laut unseren Modellen die großen Katastrophen ausbleiben, also etwa ein Erliegen des Golfstroms oder ein Abschmelzen des Polareises in einem Ausmaß, das den Meeresspiegel um sechs bis sieben Meter ansteigen ließe. Die Erwärmung der nächsten hundert Jahre könnte zu einem Abreißen des Golfstroms führen, und diese wiederum zu einer Abkühlung Europas um etwa fünf bis sechs Grad. Das wäre nicht unbedingt eine Eiszeit, aber eine trockene, stürmische und kalte Periode. Zu beachten ist: Nicht das Klima als solches ist das Problem, sondern die Frage, wie rasch und wie gut wir auf seine Änderungen reagieren können. Wenn in Österreich die Temperaturen um, sagen wir, sechs Grad steigen, dann heißt das nicht, dass das die Österreicher nicht mehr aushalten. Aber wenn diese Veränderung sehr rasch erfolgt, könnte die Anpassung ein Problem werden.

UWS: Warum ist gerade der Alpenraum besonders betroffen?
Kromp-Kolb: Die Landmassen reagieren schneller auf die Veränderungen als die Ozeane. Zweitens geht die Schneebedeckung zurück. Damit sinkt die Reflexion des Sonnenlichts, und die Erwärmung steigt.

UWS: Wie schaut es mit den Auswirkungen auf die Energiewirtschaft aus? Manche Experten sagen: Für die Speicherkraftwerke ist es egal, ob der Niederschlag in Form von Schnee oder Regen kommt.
Kromp-Kolb: Man muss davon ausgehen, dass die Abflussmengen insgesamt sinken. Ich glaube zwar nicht, dass Österreich vor einem großen Wasserproblem steht. Aber dass es keine Auswirkungen gibt, glaube ich auch nicht. Regional könnte es durchaus Probleme geben. Für die Industrie und die thermischen Kraftwerke braucht man bestimmte Mindestwassermengen in den Flüssen, sonst passt die Temperatur für die Vorfluter nicht mehr. Da sind die Kühleffekte nicht mehr gegeben. Und bei den Speicherkraftwerken kommt eines dazu: die Instabilität in den Alpen. Halten es die Dämme aus, wenn da große Muren hineinrasseln?

UWS: Die EU verpflichtete sich im März, ihre CO2-Emissionen bis 2030 um 20 Prozent zu senken. Im Herbst beginnen die Verhandlungen hinsichtlich der Verpflichtungen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Österreich ist von seinem Kiotoziel meilenweit entfernt und emittiert pro Einheit des BIP ohnehin sehr wenig. Was sollen da weitere Reduktionsverpflichtungen?
Kromp-Kolb: Wir dürfen uns auf keinen Fall auf unseren Lorbeeren ausruhen. Der Anstieg des Strombedarfs ist enorm, ohne dass es dafür eine nachvollziehbare Erklärung gibt. Und die Reduktion um 20 Prozent ist ohnedies erst der Anfang. Wir müssen auf minus 80 Prozent kommen. Es gibt ja enorme Potenziale.

UWS: Wo sehen Sie diese?
Kromp-Kolb: Bei der Energieeffizienz beispielsweise. Bei der Wärmedämmung sind wir noch nicht einmal beim Niedrigenergiehaus als Standard. Beim Verkehr...


„Das Ende der Shopping City Süd wäre keine große Katastrophe."

UWS: ... gibt es keinerlei praktikable Vorschläge.
Kromp-Kolb: Aber natürlich gibt es die. Das fängt bei der Raumplanung an. Die ist überhaupt nicht von den Gedanken des Klimaschutzes, der Nachhaltigkeit und des Energiesparens getragen. Ich würde das Ende der Shopping City Süd nicht als große Katastrophe sehen. Wir können nicht die Mobilität in ihrer derzeitigen Form aufrecht erhalten und gleichzeitig das Klima schützen. Immer noch werden öffentliche Verkehrsmittel reduziert, vor allem in den ländlichen Gebieten. Es werden Straßen ohne Gehsteige gebaut. Ich sehe auch nicht ein, wieso man Allradfahrzeuge in der Stadt braucht. Es gibt Städte, die das verboten haben. Warum sollte es ein solches Verbot nicht auch in der Wiener Innenstadt geben?

UWS: Das geht in Richtung massivster Eingriffe in die Individualsphäre, letztlich in Richtung einer Ökodiktatur.
Kromp-Kolb: Keineswegs. Man könnte jedem Menschen eine bestimmte Menge an Treibhausgasemissionen zuordnen. Wer mit seinem Kontingent nicht auskommt, muss zukaufen.

UWS: Das trifft besonders die sozial Schwachen. Wenn Sie das nicht wollen, müssen Sie diese subventionieren, und der beabsichtigte Effekt geht verloren.
Kromp-Kolb: Nein, weil die sozial Schwachen in der Regel weniger Energie verbrauchen und damit auch für weniger Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Sie könnten also unter Umständen Emissionsrechte verkaufen. Außerdem ist ohnehin eine stärkere Besteuerung des Ressourcenverbrauchs und eine steuerliche Entlastung des Faktors Arbeit nötig.

UWS: Wie könnte ein „ökologisiertes Leben“ in Ihrem Sinn aussehen?
Kromp-Kolb: Das kann ich nicht sagen. Ich weiß auch nicht, wie das Wirtschaftssystem aussehen müsste. Das müssen die Ökonomen überlegen, aber auch die Unternehmensführungen müssen mitmachen.

UWS: Warum sollten sie das tun? Aus ihrer Sicht läuft doch ohnehin alles bestens.
Kromp-Kolb: Es gibt Leute, die anders denken und sich um die langfristigen Überlebenschancen der Menschen kümmern. Wenn wir so weitermachen, werden verschiedene Systeme zusammenbrechen. Die Kosten für die Auswirkungen des Klimawandels werden derart explodieren, dass die Budgets nicht mehr reichen.

UWS: Was erwarten Sie sich von der UNO-Klimakonferenz in Bali im Dezember (COP 13)?
Kromp-Kolb: Es ist wichtig, dass diese Dinge weiterlaufen. Aber ich erwarte keine großen Durchbrüche. Die werden auf andere Art kommen.

UWS: Auf welche?
Kromp-Kolb: Durch die unmittelbare Betroffenheit wichtiger Player, durch Druck der Bevölkerung und durch die Konkurrenz im Umwelttechnikbereich. Wenn wir so schleppend weitermachen, überholt uns noch China.

UWS: Was meinen Sie mit „unmittel- barer Betroffenheit wichtiger Player“?
Kromp-Kolb: Es gibt Situationen, in denen Wetterereignisse erhebliche Auswirkungen auf die Politik haben, ob sie nun mit dem Klimawandel zusammenhängen oder nicht. Vor der Toronto-Konferenz 1992 gab es solche, und die führten zu sehr ambitionierten Forderungen.

UWS: ... aus denen bis heute so gut wie nichts wurde. Al Gore predigte in seinem Buch „Earth in the Balance“ Umkehr und Buße. Als US-Vizepräsident verfolgte er eine Politik, die sich kaum von der George W. Bushs unterschied – massive Aufrüstung inklusive. Wo bleibt da Ihre „unmittelbare Betroffenheit“? Die Katastrophe, die die gesamte Welt im von Ihnen gewollten Geist vereint, ist doch offensichtlich eine Illusion.
Kromp-Kolb: Das ist schon richtig. Aber ich glaube, es gibt Situationen, in denen hinreichend wichtige Länder betroffen sind. Und wenn die ihren Kurs entsprechend ändern, ziehen sie andere mit. Zum Teil werden sie auch dazu gedrängt. Ich bin auch sicher, dass man mit vielen Klimaschutz-Maßnahmen die Lebensqualität der Menschen sogar steigern könnte. Davor muss sich niemand fürchten. Und bei uns sind die Zustände ja auch nicht so paradiesisch, dass niemand dran rütteln möchte. Vieles ist Ersatzbefriedigung für eigentliche Lebensqualität.

UWS: Aber Sie nehmen den Leuten die Haushaltselektronik und das Autofahren.

Kromp-Kolb: Erstere nur begrenzt, und beim Autofahren frage ich mich, ob das wirklich ein Verlust ist. Die Leute stehen ja nicht zum Vergnügen jeden Tag auf der Wiener Südosttangente im Stau.

UWS: Wie soll die Politik den Menschen Ihre „Wende“ verkaufen?
Kromp-Kolb: Das kann ich nicht sagen. Klar ist nur: Es muss langfristiger gedacht werden. Es ist auch nicht so, dass jede sinnvolle Maßnahme vom ersten Tag an Verbesserungen bringt.

UWS: Also verlängern wir die Amtsperioden des Umweltministers auf 20 Jahre, und weil der allein wenig tun kann, auch die des Wirtschaftsministers ...
Kromp-Kolb: Beim derzeitigen Wirtschaftsminister hätte ich da meine Probleme. Es geht aber weniger um Personen, als darum, woran diese gemessen werden. Man könnte beispielsweise volkswirtschaftliche Ökobilanzen erstellen, die nicht monetär ausgedrückt werden, sondern etwa anhand der Kriterien des ökologischen Fußabdrucks. Sinnvoll wären auch verpflichtende Nachhaltigkeitsberichte für Unternehmen. Wir müssen mehr in Zusammenhängen denken, uns auf das humanistische Bildungsideal rückbesinnen. Und wir müssen aufhören, bei Zukunftsszenarien das derzeitige Klima zu unterstellen. Der Wandel findet statt, und wir müssen uns darauf einstellen.

UWS: Also Klimaforschung als Risk Management?
Kromp-Kolb: Als Grundlage für sinnvolles Risk Management, ja, zweifellos.

Christof Hahn/Klaus Fischer

:: IMPRESSUM ::