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WIRTSCHAFT DETAILS
SP-Umweltsprecherin Bayr:
Nicht alles „super“ bei
Bioethanol & Co.
Foto: Petra Spiola
Agrarkraftstoffe pro und kontra


(Wien, 19.07.2007) „SuperEthanol“ ist die Bezeichnung einer heute in Wien vorgestellten Initiative, mit der die Agrana, die Vereinigung „Die Rübenbauern“, Raiffeisen, Saab, Ford, Volvo, die Landwirtschaftskammern und die Autofahrerclubs ÖAMTC und ARBÖ Treibstoff aus Superbenzin und bis zu 85 Prozent Bioethanol verstärkt bewerben wollen. Koordinator der Initiative ist Walter Tauscher, vormals Forschungsdirektor der OMV und bis 2005 Geschäftsführer des Instituts für die Wirtschaftliche Ölheizung (IWO). Er freut sich, dass mit dem Ausdruck „SuperEthanol“ ein Ersatz für den bisherigen Begriff „E85“ gefunden ist. Denn der sei „schrecklich“ gewesen. Das Bioethanol liefert die Agrana, die nach Angaben von Unternehmensschef Johann Marihart am 1. Oktober ihre Erzeugungsanlage in Pischelsdorf im Bezirk Tulln in Betrieb nimmt. Sie hat eine Jahreskapazität von 240.000 Kubikmetern und kostet 125 Millionen Euro. Bis 2010 soll es in Österreich rund 50.000 dafür geeignete Autos (Flexi Fuel Vehicles, FFVs) geben, derzeit ist es eine Handvoll. Auch das Tankstellennetz soll ausgebaut werden. Derzeit gibt es österreichweit fünf Bioethanoltankstellen, je eine in Salzburg, Linz, Graz, Wien und Mitterndorf im Bezirk Tulln in Niederösterreich. Weil FFVs auch mit normalem Benzin fahren können, ist kein zwar flächendeckendes Tankstellennetz nötig. Dennoch soll SuperEthanol ab 1. Oktober an allen Tankstellen des Raiffeisen-Tochterunternehmens Genol erhältlich sein.
Marihart sagte, ab 1. Oktober sei der Biokraftstoffanteil im SuperEthanol von der Mineralölsteuer (MÖST) befreit und damit wettbewerbsfähig. Ein Hindernis für die Markteinführung sei aber noch die Normverbrauchsabgabe (NOVA), die, abhängig von dessen Treibstoffverbrauch, bei der erstmaligen Zulassung eines Kraftfahrzeuges zu bezahlen ist. Die Initiative „SuperEthanol“ wünsche, dass nur noch der Benzinanteil im Kraftstoff für die NOVA-Berechnung herangezogen wird.
Als Argument für ihren Mischtreibstoff führten die „SuperEthanol“-Mitglieder unter anderem die Bemühungen zur Eindämmung der Auswirkungen des Klimawandels ins Treffen. Gerade im Verkehrsbereich müsse Österreich seine diesbezüglichen Anstrengungen massiv verstärken. Seit 1990, dem Basisjahr des Kiotoprotokolls, sind die Emissionen an Treibhausgasen (THG) im Verkehrsbereich um 91 Prozent auf 24,4 Millionen Tonnen pro Jahr gestiegen. Noch mehr THG-Emissionen verursachen mit 24,7 Millionen Tonnen pro Jahr nur Industrie und produzierendes Gewerbe. Tauscher sagte, angesichts dieser Situation müsse die Bundesregierung jede Chance zur THG-Vermeidung nutzen.
Bernhard Soltermann, Generaldirektor von Ford Österreich, erläuterte, ein normaler benzinbetriebener PKW emittiere rund 200 Gramm CO2 pro Kilometer, ein mit SuperEthanol betriebener dagegen nur rund 70 Gramm. Bei einer angenommenen durchschnittlichen Fahrleistung von 15.000 Kilometern pro PKW würden sich durch den Einsatz der gewünschten 50.000 PKW die Emissionen im Verkehrsbereich um 97.500 Tonnen pro Jahr verringern. Sie lägen damit bei rund 24,3 Millionen Tonnen.

Fragliche Subventionierung

Petra Bayr, umwelt- und entwicklungspolitische Sprecherin der SPÖ im Nationalrat, warnt jedoch davor, Biodiesel und Bioethanol unhinterfragt zu fördern. Sie hält den dafür gebräuchlichen Begriff „Biosprit“ für fragwürdig, weil dieser suggeriert, die Herstellung entsprechender Substanzen sei ökologisch unbedenklich. Sie spricht statt dessen von Agrarkraftstoffen und verweist darauf, dass die EU nach Auffassung von Experten auf ihren eigenen Anbauflächen nicht genug Biosprit erzeugen kann, um ihr Ziel zu erreichen, den konventionellen Kraftstoffen bis 2020 mindestens zehn Prozent Biosprit beizumengen. Folglich seien Importe nötig. Und das sei keineswegs problematisch, nicht zuletzt, weil durch Entwaldungen zum Gewinnen der erforderlichen Ackerflächen in Entwicklungsländern erhebliche CO2-Mengen freigesetzt würden. Bayr verweist auf Angaben der UN-Entwicklungshilfeorganisation UNEP, denen zufolge die Entwaldung einer Million Hektar Regenwald im Amazonasgebiet Emissionen von rund 400 bis 700 Millionen Tonnen CO2 verursacht. In ihrem „World Energy Outlook 2006“ geht die Internationale Energieagentur (IEA) davon aus, dass die weltweite Biospritproduktion von derzeit etwa 20 Millionen Tonnen Erdöleinheiten (Mtoe) bis 2030 auf 92 bis 147 Mtoe steigen könnte. Dadurch würden sich die weltweiten CO2-Emissionen zwar um rund 1.700 bis 4.400 Millionen Tonnen verringern. Bayr zufolge ist diese Berechnung aber unvollständig. Denn laut IEA ist für die Herstellung des Biosprits eine Ausweitung der Anbauflächen für entsprechende Pflanzen von derzeit etwa 14 Millionen Hektar (rund der dreifachen Fläche Wiens) auf 35 bis 53,2 Millionen Hektar erforderlich. Letzteres entspricht etwa der Fläche Frankreichs (54,3 Millionen Hektar). Werden diese Zahlen mit denen der UNEP bezüglich der CO2-Emissionen durch Regenwaldvernichtung multipliziert, ergeben sich unter Berücksichtigung der von der IEA angegebenen Emissionsminderungen durch die Biospritherstellung Mehremissionen zwischen 12.300 und 32.840 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. So gesehen, sei die These vom Wundermittel gegen den Klimawandel denn doch in Frage zu stellen.
Außerdem erfolge bereits jetzt die Pflanzenproduktion für Biosprit auf agroindustrielle Weise. Es bestehe die Möglichkeit, dabei auch gentechnisch veränderte Organismen (GMOs) einzusetzen, was schwerlich im Interesse nachhaltiger Entwicklung sei. Überdies bestehe die Gefahr negativer Auswirkungen auf die Bevölkerung der betroffenen Gebiete, weil diese Gefahr laufe, ihren Lebensraum zu verlieren und sich auf den an dessen Stelle tretenden Plantagen verdingen zu müssen – in „sklavenähnlichen Verhältnissen“, wie Bayr befürchtet.

Was tun?

Die Politikerin empfiehlt daher unter anderem, ein EU-weites und in weiterer Folge weltweites Zertifizierungssystem einzurichten. Durch dieses will sie sicherstellen, dass bei der Herstellung von Agrarkraftstoffen Ökologie und gesellschaftliche Verantwortung hohen Stellenwert haben, was unter anderem heißt, keine GMOs einzusetzen, auf die Erhaltung der Artenvielfalt in den betreffenden Gebieten zu achten und auf ausbeuterische Arbeitsverhältnisse zu verzichten. Bis dies sichergestellt ist, solle die EU auf ihr Ziel verzichten, bis 2020 den konventionellen Kraftstoffen zehn Prozent Agrarkraftstoffe zuzusetzen. Freilich sei der Aufbau eines solchen Zertifizierungssystems nicht von heute auf morgen möglich. Sie habe aber diesbezüglich bereits Gespräche auf internationaler Ebene geführt, sagt Bayr.

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