Brandgefährlich: Rauchen ist auch ohne Feinstaub ein großes Risiko für die Gesundheit. Foto: Creative Collection
Feinstaub: Kein Grund zur Panik
Mediziner und Umweltchemiker bei Symposium in der Wirtschaftskammer: Feinstaub „nicht gesund“, aber auch keine drastische Bedrohung - Zusammensetzung der Partikel wichtig - Mensch hat umfangreichen Abwehrapparat - Wien: rund ein Drittel der Belastung importiert
(Wien, 20.02.2007) Wie gefährlich ist Feinstaub? Diese Frage stand gestern im Mittelpunkt eines Symposiums der Wirtschaftskammer (WKO). Und die Experten waren sich weitgehend einig: Gesund ist der Staub mit Partikeldurchmessern unter zehn Tausendstel Millimetern (PM 10) sowie unter 2,5 Tausendstel Millimetern (PM 2,5) sicher nicht. Grund zur Panik gibt es aber ebensowenig. Und: Die genauen Auswirkungen im Einzelfall lassen sich erst aufgrund eingehender Untersuchungen feststellen. Der Grazer Pathologe Helmut H. Popper formulierte das so: „Je nach Zusammensetzung kann Feinstaub sehr schädlich auf die Lungen wirken oder auch relativ harmlos sein.“ Feinstaub aus Eisenpartikeln etwa, wie er in Hochöfen anfalle, sei vergleichsweise unschädlich. Zigarettenrauch dagegen enthalte unter anderem ebenfalls Feinstaub, das aber mit „besonders vielen toxischen Stoffen“, was schon erheblich bedenklicher sei, sagte Popper.
Zu beachten ist seiner Ansicht nach auch, dass der Mensch über ausgefeilte Abwehrmechanismen gegen PM10 und PM2,5 verfügt, und das gewissermaßen evolutionsbedingt. Alle Lungenatmer seien buchstäblich seit Urzeiten dem Feinstaub in ihrer Umgebung ausgesetzt. Bekanntlich habe sich der Mensch in den Savannen Afrikas entwickelt, in denen es jede Menge Feinstaub gebe. Aber dieses Problem hätten Urfrau „Lucy“ sowie ihre Gefährten mit einigen seither bestens bewährten Tricks in den Griff bekommen: „Husten und Nießen befördern große Partikel aus den Atemwegen. PM10 bleibt im Schleimfilm in den Bronchien und ihren Verästelungen, den Bronchiolen, kleben, wird mit den Flimmerhärchen in Richtung Rachenraum befördert und ausgehustet oder ausgeniest. PM2,5 wird in den Lungenbläschen von den Fresszellen aufgenommen und abgebaut.“ Die Fresszellen würden im Übrigen selbst mit Asbestfasern fertig. Allerdings benötigten sie dafür gut und gerne sechs Monate. Weshalb sich seinerzeit auch die von einem US-Tabakkonzern in seine Zigaretten integrierten Asbestfilter nur als mäßig sinnvoll erwiesen. Die sollten Kohlenwasserstoffe aus dem Inhalat filtern und taten das auch. Allerdings gelangten Asbestfasern mitsamt den Kohlenwasserstoffen in die Körper
der p.t. Raucher, die nun statt eines Problems gleich zwei nicht am, sondern im Hals hatten.
Gelegentlich setzt sich der Abwehrapparat auch selbst schachmatt: Das Enzymsystem im Atemtrakt könne etliche eingeatmete Schadstoffe abbauen. Manche Enzyme allerdings könnten durch Oxidation giftige oder krebserregende Stoffe erzeugen. Weil aber die Effizienz der Abwehrsysteme von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, gibt es eben auch den berühmten 100jähren, der zeitlebens qualmte wie ein Schlot, ohne auch nur einen rauhen Hals zu bekommen.
Das grundsätzliche Problem, die Gefährlichkeit einer spezifischen Feinstaubkonzentration experimentell zu bestimmen, beschrieb Popper so: Es sei zwar möglich, im Laborversuch die Wirkung einer einzelnen Substanz auszutesten. Auch mit zwei oder drei kombinierten Stoffen funktioniere das noch einigermaßen. Aber aus zehn oder noch mehr Substanzen zusammengesetzten Feinstaub an einer Zellkultur auszuprobieren, sei nicht mehr möglich, weil kein Computer alle möglichen Kombinationen samt Folgeprodukten mit ihren Wirkungen durchrechnen könne.
Wolle „die Politik“ etwas gegen Feinstaub tun, sei ein erster zweifellos sinnvoller Schritt, ein weitgehendes Rauchverbot zu verhängen. Es empfehle sich, mehrere Stoffe in den Blick zu nehmen und sich zu fragen, welche davon am leichtesten eliminiert werden könnten. „Was wir brauchen, sind Pakete“, resümierte Popper.
Feinstaub nicht nötig
Ausdrücklich verwies der Grazer Medinziner auch darauf, dass die meisten Menschen heutzutage den Großteil ihrer Zeit in Gebäuden verbringen. Folglich gelte es, abzuschätzen, welchen Anteil an der Feinstaubbelastung die dort auftretende im Vergleich zur Belastung im Freien habe. Das „Indoor“-Phänomen werde möglicherweise unterschätzt, die „Outdoor“-Problematik dagegen überschätzt. Und alles in allem: Übertriebene Furcht vor dem feinen Staub sei nicht angebracht.
Ähnlich argumentierte der Vorstand der Salzburger Universität für Herzchirurgie, Felix Unger. Ihm zufolge gibt es mehrere Faktoren, die Herzerkrankungen fördern. „So lange wir fressen, saufen, rauchen und zu wenig Bewegung machen, brauchen wir keinen Feinstaub, um herzkrank zu werden“, formulierte Unger drastisch. Feinstaub könne eine Rolle bei Herzerkrankungen spielen. Erwiesen sei das aber bisher noch nicht. Er selbst sei von der ganzen Debatte „massivst überrascht“, und es werde auch etliches kolportiert, was schlicht Unsinn sei: „Ich warte ja nur darauf, bis jemand daherkommt und sagt, Feinstaub verursache Alzheimer.“
Ein Drittel Importe
Hans Puxbaum vom Institut für Chemische Technologien an der Universität Wien sagte, in Wien stamme rund ein Drittel der Feinstaubbelastung aus dem sogenannten Hintergrund, das heißt, von „Feinstaubimporten“ aus dem näheren sowie ferneren Umland. Studien hätten gezeigt, dass es sich um ein großräumiges Phänonem handle, und „Österreich ist umzingelt von Gebieten mit hoher Feinstaubbelastung.“ Der Hinweis auf die Importproblematik solle kein Freibrief fürs Nichtstun sein. Aber mit regionalen Maßnahmen allein, wie sie die Stadt Wien ohnendies setze, lasse sich das Problem schlicht und einfach nicht lösen. Da brauche es schon österreichweite oder gar EU-weite Maßnahmen. Ein Teil der „importierten“, aber auch der „hausgemachten“, Feinstaubemissionen sei auch heute noch auf die Holzverbrennung zurückzuführen. Zu unterscheiden sei dabei zwischen modernen Holzheizungssystemen, die nur rund fünf bis 15 Milligramm pro Megajoule emittierten, und alten Holzöfen, bei denen auch um die 1.000 Milligramm möglich seien. Der österreichische Durchschnittswert liegt laut Puxbaum um die 100 Milligramm.
Eindeutig hausgemacht sei ein anderes Problem: EU-weit würden die Grenzwerte für Feinstaub zwar als beachtenswert eingestuft, jedoch nicht als rechtsverbindlich. Anders in Österreich, wo diese vor einigen Jahren in einer Stellungnahme des Umweltministeriums für sehr wohl rechtsverbindlich erklärt worden seien. Puxbaum: „Seither fürchten sich alle davor, die Grenzwerte zu überschreiten. Ich kann nur sagen: Fürchten muss sich niemand.“