Weiter Streit um türkisches Wasserkraftwerksprojekt Ilisu
WWF und Bürgermeister von Diyarbakir: Kulturerbe wird zerstört – lieber in Tourismus investieren – türkische Botschaft: Kraftwerk wegen stark steigendem Strombedarf nötig – Kulturerbe wird gerettet – gesamter Volkswirtschaftlicher Nutzen: 300 Millionen Euro pro Jahr
(Wien, 07.06.2006) Inhaltlich im Wesentlichen bereits bekannte Kritik am geplanten Bau des Wasserkraftwerks Ilisu am Tigris in der Südosttürkei wiederholten heute ein Vertreter des WWF Österreich, der Bürgermeister der Stadt Diyarbakir, Osman Baydemir, sowie der Archäologe Ahmet Yaras bei einer Pressekonferenz in Wien. Um das Projekt bemüht sich ein Konsortium aus der Andritz VATech Hydro und der französischen Alstom als Lieferanten der elektromechanischen Ausrüstung, den Baufirmen Nurol, Cengiz, Celiker sowie der zum Strabag-Konzern gehörenden Züblin und den Engineeringunternehmen Stucky und Temelsu. Das Investitionsvolumen wird mit 1,1 bis 1,3 Milliarden Euro angegeben, die Bauzeit mit etwa sieben Jahren. Im Moment laufen die Genehmigungsverfahren. Bis 2012/2013 soll der Bau fertig gestellt sein. Ilisu ist für eine Leistung von 1.200 Megawatt ausgelegt. Das entspricht etwa der Kapazität der Wasserkraftwerksgruppe Zemm-Ziller der Verbundgesellschaft. Diese ist eine der leistungsstärksten Kraftwerksgruppen Österreichs. Ilisu soll Spitzenstrom zur Abdeckung kurzfristig auftretenden Strombedarfs produzieren.
Die Kritiker behaupteten auch heute wieder, Ilisu zerstöre unersetzliche Kulturgüter insbesondere im Bereich der 11.000 Jahre alten Stadt Hasankeyf und bringe der umliegenden primär kurdisch besiedelten Region Diyarbakir ökonomisch wenig. Der WWF-Mitarbeiter Ulrich Eichelmann konstatierte, Ilisu „zerstöre“ den Tigris auf einer Länge von 400 Kilometern, auf österreichische Verhältnisse umgelegt von Passau nach Wien. Dies geschehe einerseits durch den rund 130 Kilometer langen Rückstauraum oberhalb der Kraftwerksanlagen, andererseits durch den zwischen einem und sieben Metern hohen täglich zu erwartenden Wasserschwall bei der Spitzenstromproduktion. Die Weltbank habe das Projekt wegen seiner Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft abgelehnt. Auch Finanzinstitutionen aus Großbritannien, Italien und Schweden seien ausgestiegen. Einzig noch ein Konsortium aus österreichischen, deutschen sowie schweizer Unternehmen halte an Ilisu fest. Der österreichische Finanzminister Karl Heinz Grasser sowie die Oesterreichische Kontrollbank (OekB) wollten das Vorhaben „durchziehen“, behauptete Eichelmann. Von seiten des WWF hieß es, Vertreter des Finanzministeriums sowie der OeKB seien zu der heutigen Pressekonferenz eingeladen worden, hätten die Teilnahme aber abgelehnt.
Lieber Tourismus fördern
Auf die Frage des UMWELTSCHUTZ, ob es ökonomische Argumente gegen Ilisu gebe, sagte Eichelmann: „Kein Mensch weiß, ob sich das Kraftwerk rechnet.“ Baydemir sagte, er halte es für besser, das für Ilisu vorgesehene Geld in den Ausbau touristisch nutzbarer Infrastruktur zu investieren und unter anderem einen internationalen Flughafen zu bauen. Das bringe der Region „zehn Mal so viel wie Ilisu“. Einen Investor für ein solches Alternativprojekt gibt es allerdings nicht, räumte Baydemir auf Nachfrage ein.
Immerhin wurde seitens der Region versucht, die Gegend um Hasankeyf wegen ihrer kulturellen Bedeutung in das UNESCO-Weltkulturerbe aufnehmen zu lassen, berichtete Ercan Ayboga, ein Aktivist der Initative für Hasankeyf, dem UMWELTSCHUTZ. Ein Antrag, in entsprechender Weise tätig zu werden, sei 2001 an das türkische Kultusministerium gestellt worden. Dieses habe jedoch abgelehnt, warum, wisse er, Ayboga, nicht. Vor kurzem habe sich seine Initiative direkt an die UNSECO gewandt. Eine Antwort liege bis dato nicht vor. Ökonomisch gesehen, profitieren von Ilisu laut Ayboga einige Großgrundbesitzer in der Region. Der Großteil der Bevölkerung gehe aber leer aus.
Konter der Botschaft
Die entgegengesetzte Sichtweise lieferte die türkische Botschaft in Wien bei einer zeitgleich mit der WWF-Veranstaltung angesetzten Pressekonferenz. Nach Angaben der Botschaft ist Ilisu Teil eines großen Entwicklungsplanes, der die Errichtung von 22 Staudämmen sowie 19 Wasserkraftwerken beinhaltet. „Das Hauptziel des Entwicklungsplanes ist es, den Lebensstandard in dieser unterentwickelten Region auf den Durchschnitt der Türkei zu bringen“, heißt es in einem bei der Pressekonferenz verteilten Hintergrundpapier der Botschaft zum Ilisu-Projekt. Das Bruttonationaleinkommen pro Kopf liegt in der Türkei bei umgerechnet etwa 2.800 US-Dollar pro Jahr, in Österreich bei etwa 27.000 US-Dollar.
Für das Projekt sprechen laut dem Hintergrundpapier unter anderem folgende Gründe: Die türkische Wirtschaft wächst derzeit um zehn Prozent pro Jahr, der Energiebedarf um acht Prozent. Ilisu werde das größte Wasserkraftwerk in der Region sein und Strom für etwa zwei Millionen Haushalte erzeugen. Insgesamt lebten etwa 43.000 Menschen in dem Gebiet. Etwa 11.000 davon müssten wegen der durch den Rückstau erfolgenden Landüberflutungen umgesiedelt werden. Keine Rede könne davon sein, dass 78.000 Personen umzusiedeln hätten, wie die Ilisu-Kritiker behaupteten. Und: Für Enteignungsfälle stünden 600 Millionen Euro zur Verfügung, für Umsiedlungen etwa 200 Millionen.
Was die Kulturschätze Hasankeyfs betrifft, heißt es, der Bau des Kraftwerks sei die einzige Möglichkeit zu deren Rettung. Zur Zeit verwende die örtliche Bevölkerung diese nämlich als Baumaterial, wie eine Delegation des Europarates festgestellt habe.
Ökonomisch gesehen, würden direkt sowie indirekt etwa 3,8 Millionen Arbeitsplätze in der Region geschaffen. Der türkischen Volkswirtschaft bringe Ilisu einen Nutzen von rund 300 Millionen Euro pro Jahr.
Bestritten wird von Seiten der Projektbetreiber der ökologische Schaden durch den Schwallbetrieb des Kraftwerks. In der Gegend komme es immer wieder zu heftigen Regenfällen, die Flutwellen mit bis zu acht Metern Höhe auslösten. Das Kraftwerk könne diese teilweise kompensieren. Einen Wasserschwall in der Höhe von sieben Metern werde es nur äußerst selten geben. Üblicherweise werde die Schwallhöhe etwa einen Meter betragen.