(Wien, 05.06.2006) „Manchmal kommt mir Afrika so vor wie jemand, der am Flughafen zu einem Schalter geht und fordert: Sagen Sie mir, wer ich bin und wo ich hinfliege.“ So resümierte Sola Afolabi, der stellvertretende Generalsekretär der Economic Community of West African States (ECOWAS), bei der sechsten Jahrestagung des Global Forum on Sustainable Energy (GFSE, www.gfse.at) die Situation. Dabei gäbe es gerade im Energiebereich genug zu tun. Von den weltweit installierten 3.754,1 Gigawatt elektrischer Leistung finden sich nur 103,7 Gigawatt in Afrika. Von den laut International Energy Agency (IEA) im Jahr 2004 weltweit erzeugten 17.450 Terawattstunden Strom stammten magere 540 Terawattstunden aus afrikanischen Kraftwerken. Das entspricht etwa jener Strommenge, die allein in Deutschland jedes Jahr erzeugt wird. Weitaus die größten Kapazitäten hat die Republik Südafrika mit 40,5 Gigawatt, gefolgt von Ägypten mit 17,1 Gigawatt. Den Rest, rund 46,2 Gigawatt, teilen sich 47 weitere Staaten.
Uganda, das Heimatland des Vorsitzenden der afrikanischen Energieministerkonferenz FEMA, Daudi Migereko, besitzt Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von gerade einma 280 Megawatt. Das entspricht nicht ganz einem Sechstel der Leistung, die allein der Wien Energie für die Stromerzeugung zur Verfügung steht. Und den 280 Megawatt Leistung steht in Uganda eine Bevölkerung von fast 26 Millionen Menschen gegenüber. Insgesamt gesehen, hat weniger als die Hälfte der fast 880 Millionen Einwohner Afrikas Zugang zu elektrischem Strom.
Ausbau angesagt
Immerhin ist jetzt Ausbau angesagt, was die afrikanische Energie-Infrastruktur betrifft , und zwar massiv. Im Rahmen einer Partnerschaft zwischen der EU und der Organization for African Unity (OAU) wird ein Fonds aufgebaut, im Rahmen dessen in den kommenden sechs Jahren etwa fünf bis sechs Milliarden Euro in derartige Projekte investiert werden sollen. Für die Testphase, das Jahr 2007, stellt die EU 60 Millionen Euro zur Verfügung, die ein Investitionsvolumen von 240 bis 300 Millionen Euro auslösen dürften, so der Leiter der Abteilung Infrastruktur der Generaldirektion Entwicklung der EU-Kommission, Antonio García Fragio, bei der GFSE-Tagung. Wie er dem UMWELTSCHUTZ erläuterte, entsprechen die fünf bis sechs Milliarden Euro dem Umfang jener Vorhaben, die die EU von ihren afrikanischen Partnern erwartet. Die Grundidee hinter der Partnerschaft beschreibt Fragio so: „Es geht darum, die Infrastrukturverbindungen zwischen den afrikanischen Regionen und Staaten zu verbessern. Derzeit fördern wir fast ausschließlich nationale Projekte. In Hinkunft geht es um regionale, aber auch kontinentale, Vorhaben. Die Idee dahinter ist, etwas Ähnliches wie die Transeuropäischen Netze in Afrika aufzubauen.“ Bereits in den vergangenen drei Jahren gab die EU insgesamt 2,9 Milliarden Euro für den Aufbau wirtschaftlich wichtiger Infrastruktursysteme in Afrika aus. Der Löwenanteil, etwa zwei Milliarden Euro, floss in die Verbesserung des transkontinentalen Straßennetzes, das zu mindestens einem Drittel als verrottet gilt. Für Wasserver- und Entsorgung stellte die EU 83,3 Millionen Euro zur Verfügung, für Telekommunikationsnetze 36,1 Millionen. Am wenigsten Geld, konkret 19,4 Millionen Euro, gab es bisher für Energieprojekte.
Reaktion auf NEPAD
Mit der künftig institutionalisieren Zusammenarbeit im Infrastrukturbereich reagiert die EU auf eine innerafrikanische Initiative, die New Partnership for Africa’s Development (NEPAD). In deren Rahmen wollen die Mitglieder der Organization for African Unity (OAU) Infrastrukturvorhaben gemeinsam entwickeln und realisieren - was Afolabis eingangs erwähntes Problem zumindest ein wenig entschärfen könnte. Die Weltbank stellte für NEPAD-Vorhaben vergangenes Jahr rund 495 Millionen US-Dollar zur Verfügung, davon 178 Millionen für eine Stromtransitleitung zwischen Sambia und der Demokratischen Republik Kongo sowie insgesamt 90 Millionen US-Dollar für zwei Gaspipelines. Das weitaus größte Projekt, das im Rahmen der NEPAD diskutiert wird, ist der Bau des 50 Milliarden USD-Dollar teuren Wasserkraftwerks Grand Inga nahe Kinshasa am Unterlauf des Kongo, das mit 40.000 Megawatt Leistung das weitaus größte Wasserkraftwerk der Welt wäre. Es hätte mehr als die doppelte Kapazität des Drei-Schluchten-Kraftwerks in China (18.000 Megawatt) und könnte, theoretisch gesehen, ganz Afrika mit Strom versorgen. Ob Grand Inga realisiert wird, ist allerdings offen.
Entwicklungshilfe für Europa
Fragio räumte ein, dass die Hilfe der EU für Afrika gerade auch im Energiebereich nicht ganz uneigennützig gemeint ist. Die Infrastruktur aufzubauen, bringe nach allen bisherigen Erfahrungen eine gewisse politische Stabilität und wirtschaftliche Prosperität in eine Weltgegend, wo diese dringend gebraucht werden. Für Europa habe das nicht zuletzt folgenden Vorteil: „Wir bekommen besseren Zugang zu den Öl- und Gasvorkommen, die es in vielen Staaten Afrikas gibt. Das könnte in den kommenden Jahrzehnten unsere Versorgungssicherheit verbessern.“
Ähnlich sieht das Peter Davies, Senior Advisor des britischen Entwicklungshilfeministeriums (Department for International Development, DFID, www.dfid.gov.uk). Bei der GFSE-Konferenz stellte er fest, bislang sei der Energiesektor „das Waisenkind der Entwicklungshilfe“ gewesen: „In den kommenden Jahren und Jahrzehnten werden wir uns viel stärker um dieses Waisenkind kümmern müssen.“ Zwei Themen würden die Energiepolitik künftig weltweit bestimmen: die Versorgungssicherheit und um die Folgen des Klimawandels. Davies: „Die Entwicklungsländer sind in beiderlei Hinsicht eine potenzielle Gefahr, eben weil sie sich entwickeln wollen. Dafür brauchen sie unter anderem fossile Energieträger, die auch wir benötigen. Und die Nutzung dieser Energieträger trägt wiederum zum Klimawandel bei, egal, durch wen sie erfolgt.“
Die zentrale Herausforderung sei deshalb, den Entwicklungs- und Schwellenländern wirtschaftliches Wachstum zu ermöglichen, das anders als die Industrielle Revolution in der Ersten Welt nicht nahezu ausschließlich auf fossilen Energieträgern beruhe. Primär in diesem Zusammenhang seien die „Millennium Development Goals“ (MDGs) der Vereinten Nationen zu sehen. Davies: „Bei den MDGs geht es weniger um Hilfe für die Dritte Welt als um ein Minimum an Stabilität für die ganze Welt.“
Die Basis aller wirtschaftlichen Entwicklung und damit der Reduktion stabilitätsgefährdender Armut sei der Zugang zu Energiedienstleistungen. Es sei daher unabdingbar, eine klare Strategie für die Schaffung dieses Zugangs zu entwickeln und diese konsequent umzusetzen. Davies’ Warnung: „Wir sind am Limit, und das global. Daher brauchen wir auch globale Lösungen.“
Hoffnung Biosprit
An Ansätzen für solche Lösungen mangelt es nicht. So sind beispielsweise erst rund sieben Prozent des von der Weltbank auf über 300.000 Megawatt geschätzten afrikanischen Potenzials für Wasserkraftwerke ausgebaut. Erst unlängst realisierte die Andritz VA TECH HYDRO das 80-Megawatt-Kraftwerk New Naga Hammadi am Nil, das 500 Gigawattstunden Strom pro Jahr erzeugen soll. Ein ähnliches Projekt sei im Nildelata nahe der Hafenstadt Damietta geplant, so Unternehmensvertreter Bernd Hindelang.
Eine wichtige Rolle könnte auch die Energieerzeugung aus Biomasse spielen. Sogenannte „traditional biomass“, sprich, im Wald gesammeltes Holz, deckt in den südlich der Sahara gelegenen Gebieten Afrikas mehr als 80 Prozent des Energiebedarfs. Von Energieeffizienz ist dabei freilich keine Rede, und der Luftverschmutzung durch Feinstaub, Ruß sowie Stickoxide fallen jährlich zigtausende Personen zum Opfer. Hin zu moderneren Formen der Biomassenutzung, lautet daher die Devise. Und ein besonderer Hoffnungsträger ist Biosprit, der zumindest potenziell auch exportiert werden könnte.
Hervorragende Aussichten hat Afrika diesbezüglich, wenn es nach Michael Obersteiner vom Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg (IIASA) geht. Seiner Schätzung nach könnte etwa ein Viertel der weltweiten Biospritproduktion künftig aus afrikanischen Staaten kommen, wobei gerade ländliche Gebiete profitieren könnten. Laut Rainer Janssen vom Münchner Planungsbüro Wirtschafts- und Infrastrukturplanung (WIP) könnten allein in Tansania aus den bestehenden Anbauflächen für Zuckerrohr rund 20 Millionen Liter Bioethanol gewonnen werden. Das technische Potenzial des Landes bezifferte er mit 58,9 Millionen Litern. Was Ölfrüchte betrifft, würden derzeit nur rund 4.500 Hektar für deren Anbau genutzt, das Potenzial liege bei 1,2 Millionen Hektar. Und Emmanuel Matsika vom Centre For Energy, Environment and Engineering Zambia (CEEEZ) berichtete, schon derzeit würden in seinem Land rund 13 Millionen Liter Bioethanol hergestellt. Kurzfristig sei eine Steigerung auf 26,2 Millionen Liter möglich.
Skeptische Stimmen
Allerdings gab es auch skeptische Stimmen. Jacques Moulot von der United Nations Economic Commission for Africa (UNECA, www.uneca.org) etwa riet von zu ambitionierten Vorhaben ab: „Die meisten afrikanischen Staaten sind weit davon entfernt, im großen Stil Biosprit zu exportieren und auf dem Weltmarkt zu operieren.“ Vordringliches Ziel müsse sein, eine stabile Eigenversorgung mit derartigen Stoffen aufzubauen. Und Jennifer Nyberg von der Commodities and trade Division der Food and Agricultural Organuization der Vereinten Nationen (FAO), formulierte grundsätzliche Bedenken: Der Markt für die Biofuels sei zwar da. Aber in den am wenigsten entwickelten afrikanischen Staaten gebe eine Familie im Durchschnitt mehr als 60 Prozent ihrer Einkünfte für Nahrungsmittel aus: „Für diese Leute sind Nahrungsmittel die weitaus wichtigste Energiequelle.“ Auch Cahit Gürkök von der UN Industrial Development Organization (UNIDO) zeigte sich skeptisch: „Wenn die afrikanischen Staaten verstärkt in die Biofuels-Produktion gehen sollen, muss sichergestellt sein, dass diese den Armen nicht schadet und dass Kleinproduzenten nicht unter die Räder kommen.“ Bioethanol etwa sei wirtschaftlich rentabel nur im großen Stil herzustellen und damit ein Geschäft für global agierende Zuckerkonzerne und nicht für Kleinbauern. Gürkök: „Ohne das moralisch zu bewerten: Entwicklungshilfe ist nicht die Aufgabe solcher Großunternehmen. Für sie sind Biofuels ein Geschäft wie jedes andere auch. Diese werden daher agroindustriell hergestellt werden, inklusive des Einsatzes gentechnisch modifizierter Organismen (GMOs).“ Ob das den afrikanischen Staaten und insbesondere der armen Landbevölkerung in diesen Staaten nütze, sei denn doch in Zweifel zu ziehen.
CDM ankurbeln
Welche Projekte auch immer ins Auge gefasst werden: Ein zentrales Problem ist deren Finanzierung. Jenseits der eingangs erwähnten Fonds will die EU dabei verstärkt auf die Möglichkeiten im Rahmen des Klimaschutzabkommens von Kioto (Kiotoprotokoll) setzen. Konkret geht es um den „Clean Development Mechanism“ (CDM). Dieser sieht vor, dass Unternehmen Klimaschutzprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern durchführen. Für die erzielten Reduktionen der Emission von Treibhausgasen (THG) bekommen sie Emissionszertifikate (Certified Emission Reductions, CERs). Diese können sie an Industriestaaten verkaufen, die damit einen Teil ihrer Verpflichtungen aus dem Kiotoprotokoll erfüllen können. In Österreich ist für den Kauf von CERs im Auftrag des Bundes die Kommunalkredit Public Consulting (KPC) zuständig, der derzeit etwa 36 Millionen pro Jahr zur Verfügung stehen. Insgesamt sollen CERs über rund 35 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent beschafft werden. Etwa zwei Drittel dieser Menge sind laut der zuständigen KPC-Expertin Alexandra Amerstorfer bereits unter Vertrag. Der Anteil von Projekten aus Afrika hält sich ihr zufolge jedoch in engen Grenzen: Er liegt bei etwa sechs Prozent. Als Gründe nennt Amerstorfer neben Finanzierungsproblemen unter anderem die mangelnde Erfahrung der jeweiligen afrikanischen Behörden mit dem CDM-Prozedere sowie die damit im Zusammenhang stehenden unklaren rechtlichen Bedingungen. Potenzial für CDM-Projekte in Afrika sieht sie vor allem in den Bereichen Energieeffizienz sowie erneuerbare Energien, in der energetischen Nutzung von Methanemissionen aus den Mülldeponien von Großstädten sowie von Grubengas und nicht zuletzt auch in der Zement-, Metall- sowie Papierindustrie.
Bereits am Laufen sind mehrere CDM-Projekte mit einem Emissionsreduktionspotenzial von rund 87 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, die von der Renewable Energy and Energy Efficiency Partnership (REEEP) mitfinanziert werden. Den Preis für die CERs bezifferte Binu Parthan, der stellvertretende Internationale Direktor der REEEP, bei der GFSE-Konferenz mit 10,5 US-Dollar (7,87 Euro). Parthan bestätigte Amerstorfers Erfahrungen mit den mangelhaften legistischen sowie verwaltungstechnischen Gegebenheiten für CDM-Projekte. „Capacity building“, insbesondere die einschlägige Ausbildung afrikanischer Verwaltungsexperten, sei daher angesagt. Und die REEEP arbeite auch daran, etwa, indem sie entsprechende Programme in Tansania, Ghana sowie Sambia finanziere.
Nicht unterschützen
Mike Bess vom austrobritischen Emissionshandelshaus Camco warnte davor, Afrikas CDM-Potenzial zu unterschätzen: „Vor zwei Jahren gab es noch kaum CDM-Projekte. Heute können wir uns vor durchaus ernst zu nehmenden Angeboten kaum noch retten. In Afrika ist eine ähnliche Entwicklung möglich.“ In der Republik Südafrika beispielsweise würden 90 Prozent des Stroms in Kohlekraftwerken erzeugt. Bess: „Die brauchen CDM. Das einzige wirkliche Problem, das ich sehe, ist, dass die afrikanischen Eliten noch nicht an dieses Modell glauben.“ Es gelte auch, CDM nicht als Entwicklungshilfe zu sehen, sondern als Möglichkeit, Geld zu verdienen. Es sei zweifellos sinnvoll, afrikanische Verwaltungsfachleute einschlägig auszubilden. Ebenso müsse CDM aber den Wirtschaftstreibenden nahegebracht werden. Im Gebiet südlich der Sahara gebe es allein 39 Zementfabriken, etliche Papierfabriken sowie Kohle- Gold- und Diamantenminen, die Probleme mit Grubengas hätten. Bess:„Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Besitzer dieser Unternehmungen nicht an CDM interessiert sind, wenn sie erst wissen, worum es geht.“ (kf)