Kälte aus Wärme: Die Wien Energie Fernwärme setzt künftig auch auf Fernkälte. Foto: Wien Energie Fernwärme
Fernwärme Wien will Fernkältenetz aufbauen
Erstes Projekt: Büroviertel TownTown - jährliche Investitionen von 20 bis 25 Millionen Euro geplant - in zehn Jahren rund 100 Megawatt Leistung
(Wien, 13.07.2006) Rund 20 bis 25 Millionen Euro pro Jahr will die Wien Energie Fernwärme in den kommenden zehn Jahren in den Aufbau eines Fernkältenetzes investieren. Das sagte der Technische Direktor des Unternehmens und stellvertretende Obmann des Fachverbands Gas-Wärme, Franz Schindelar, heute bei der Präsentation eines Projekts, bei dem das in Errichtung befindliche Büroviertel TownTown mit Fernkälte versorgt werden soll. Die dort geplante Leistung beläuft sich auf rund zehn Megawatt. Etwa zwei Drittel des Kühlungsbedarfs in TownTown lassen sich damit decken, den Rest decken konventionelle Klimaanlagen. Innerhalb der kommenden zehn Jahre will Schindelar rund 100 Megawatt bereitstellen können. Das gesamtösterreichische Fernkältepotnezial gab Schindelar mit etwa 200 bis 300 Megawatt an.
Die Fernkälte funktioniert ähnlich wie die Fernwärme, nur dass statt warmem kaltes Wasser in den Leitungen zirkuliert. Bereit gestellt wird dieses mittels thermisch betriebener Kältemaschinen, die ihre Energie aus den Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerken (KWK) der Wien Energie beziehen. Besonders im Sommer erlaubt das, diese (noch) effizienter zu betreiben als bisher. Potenzial für den Ausbau ist durch die im Bau befindliche Biomasse-KWK in Wien-Simmering, die voraussichtlich 2008 in Betrieb gehende Müllverbrennungsanlage Pfaffenau sowie die Nutzung der Geothermie in Wien-Aspern gegeben.
Free Cooling
Eine Option ist laut Schindelar auch das sogenannte „Free Cooling“. Konkret bedeutet dies, dass eine der Hauptkälteleitungen in der Donau oder im Donaukanal verlegt und vor allem im Winter das kalte Wasser zur Kühlung des Wassers im Fernkältenetz genutzt werden könnte. Etwa 20 bis 25 Prozent des jährlichen Kühlbedarfs ließen sich auf diese Weise decken, sagte Schindelar. Er fügte hinzu, solche Systeme ließen sich auch an Seen installieren. Klagenfurt etwa, wo 80 Prozent des Raumwärme- und Warmwasserbedarfs über ein Fernwärmesystem gedeckt werde, sei geradezu prädestiniert für die Fernkälte.
In Wien selbst rechnet Schindelar damit, die Fernkälte im Gebiet um die UNO-City sowie in den innerstädtischen Bezirken einsetzen zu können. „Bei einem Hotel irgendwo im Wienerwald werden wir uns dagegen nicht besonders engagieren“, sagte Schindelar. Ins Geld gehe bei der Fernkälte wie bei der Fernwärme nämlich nicht der Betrieb, sondern der Leitungsbau. Dessen Kosten bezifferte Schindelar mit 3.000 bis 4.000 Euro pro Laufmeter. Wie TownTown zeigen werde, ließen sich damit aber gegenüber konventionellen Klimaanlagen rund 60 Prozent des Energiebedarfs sparen.
Emissionshandel: Vorgespräche angeschlossen
Zu den laufenden Verhandlungen über die Zuteilung der Emissionszertifikate für die zweite Periode des EU-Emissionshandels (2008-2012) sagte Schindelar zum UMWELTSCHUTZ, die Vorgespräche zwischen dem Umweltministerium und der Fernwärmewirtschaft seien im Wesentlichen abgeschlossen. Wie schon für die bis Ende 2007 laufende erste Handelsperiode werde es auch für die zweite einen „KWK-Bonus“ geben. Das heißt, dass KWK ihre CO2-Emissionen weniger stark senken müssen als normale thermische Kraftwerke. Allerdings werde dieser Bonus nach derzeitigem Stand nicht größer als der jetzt geltende sein, der sich auf 25 Prozent beläuft. Das würde bedeuten, dass die Betreiber von KWK auch künftig deren CO2-Emissionen um ein Viertel weniger stark reduzieren müssen als die Betreiber normaler thermischer Kraftwerke die Emissionen ihrer Anlagen.