(12.06.2006) Der Wissenschaftliche Beirat für globale Umweltfragen der deutschen Bundesregierung (WBGU, www.wbgu.de) empfiehlt, die globalen vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen bis 2050 um 50 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Er will damit dem beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels sowie der zunehmenden Versauerung der Meere entgegenwirken. Denn der Klimawandel habe begonnen, sich auf die Weltmeere auszuwirken – mit weitgehend unabsehbaren Folgen. Das zeigt die WBGU-Studie „Die Zukunft der Meere: zu warm, zu hoch, zu sauer“, die vor Kurzem der Öffentlichkeit präsentiert wurde und die aktuellsten Forschungsergebnisse zu diesem Themenkomplex zusammenfasst. Zwar bezeichnet der WBGU selbst die wenigsten Ergebnisse als absolut gesichert. Dennoch erscheinen ihm diese in ausreichendem Maß ernst zu nehmen, um verstärkte Klimaschutzanstrengungen zu rechtfertigen.
Steigende Fluten
Was den beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels betrifft, stützt sich der WBGU unter anderem auf die Auswertung von mehr als sieben Millionen Meerestemperaturprofilen durch internationale Forscherteams. Diesen zu Folge ist die global gemittelte Temperatur der Ozeane seit 1955 zwar nur um 0,04 Grad Celsius gestiegen. Im Nordatlantik stieg die Temperatur jedoch um 0,3 bis ein Grad, in den arktischen Gewässern großräumig gar um bis zu drei Grad. Unterstützt wird dieser Befund durch das Arctic Climate Assessment von Ende 2004 (www.acia.uaf.edu/), das einen Rückgang des arktischen Meereises um 15 bis 20 Prozent sei 1979 feststellt. Dieser sei nicht mehr durch natürliche Prozesse zu erklären. Bis Ende des Jahrhunderts könnte der Arktische Ozean im Sommer weitestgehend eisfrei sein.
Zerfallserscheinungen
Überdies gibt es Anzeichen für einen beginnenden Zerfall der Kontinentaleismassen auf Grönland und in der Antarktis. Das könnte – über mehrere Jahrtausende hinweg – zu einem Anstieg des Meeresspiegels um etwa zwei bis sechs Meter führen. Würden die Eismassen Grönlands vollständig abschmelzen, wären durchaus auch sieben Meter möglich. In der letzten Eiszeit lag der Meeresspiegel übrigens um die 120 Meter unter dem heutigen Niveau. Völlig eisfrei war die Erde zum letzten Mal dagegen vor 35 Millionen Jahren. Der Meeresspiegel lag damals um rund 70 Meter höher als heute. Das Problem ist die wechselnde Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs. Im 20. Jahrhundert lag diese bei 1,5 bis 2,0 Zentimetern pro Jahrzehnt. Für das vergangene Jahrzehnt ist jedoch eine Anstiegsrate von drei Zentimetern dokumentiert. Der Klimabeirat der Vereinten Nationen (IPCC) geht in seinen 2001 veröffentlichten Berichten von einem Anstieg zwischen neun und 88 Zentimetern bis Ende des Jahrhunderts aus. Allerdings kam es in der Geschichte der Erde auch vor, dass der Meeresspiegel weltweit um bis zu fünf Meter pro Jahrhundert stieg.
Schwierig zu messen
Und nach wie vor ist es schwierig, zu messen, wie sich das Gesamtvolumen der Eismassen und damit der Meeresspiegel ändert. Als allgemeine anerkannt gilt, dass die Dicke der Eisschichten an den Polarkappen in ihrer Mitte wächst. Denn mit den höheren Temperaturen in Folge des Klimawandels werden die Schneefälle intensiver. An den Rändern der Polargebiete dagegen verlaufen die Abschmelzvorgänge erheblich schneller.
Die Nettobilanz ist nicht genau bekannt. CryoSat, ein Satellit, der die Eisvolumina der Polargebiete erfassen sollte, stürzte Anfang Oktober 2005 samt seiner Trägerrakete ins Nordpolarmeer. Voraussichtlich im März 2009 soll sein Nachfolger CryoSat-2 ins All geschickt werden.
Nicht mehr, aber stärker
Ein zusätzliches Problem könnte sein, dass die Zerstörungskraft der Hurrikane wächst – wenn auch nicht die Häufigkeit ihres Auftretens. Laut WBGU stieg die Temperatur einiger tropischer Meeresgebiete in den vergangenen Jahrzehnten um etwa 0,5 Grad Celsius. Gleichzeitig wurde eine Zunahme der Hurrikanenergie um etwa 70 Prozent verzeichnet. Geht dieser Trend weiter, könnte sich die Notwendigkeit ergeben, Küstenschutzbauten zu verstärken und manche besonders gefährdete Gebiete aufzugeben. Denn ein höherer Meeresspiegel und stärkere Stürme würden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Auswirkungen von Sturmfluten verschlimmern. Die Forderung des WBGU: „Der absolute Meeresspiegelanstieg sollte dauerhaft nicht mehr als einen Meter betragen, und die Anstiegsgeschwindigkeit sollte stets unter fünf Zentimetern pro Jahrzehnt bleiben.“ Ansonsten würden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr vertretbare Schäden und Verluste für Menschen und Ökosysteme auftreten.
Der WBGU weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es bisher keine völkerrechtliche Verpflichtung zur Aufnahme von solchen Phänomenen betroffener Menschen gibt. Es sei daher dringend erforderlich, geeignete Instrumente für den Umgang mit diesen so genannten „Meeresflüchtlingen“ zu entwickeln.
Ziemlich sauer
Als weiteres Problem bezeichnet der WBGU den steigenden Eintrag von CO2 in die Weltmeere in Folge der höheren CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Im Ozean sind gegenwärtig rund 38.000 Gigatonnen CO2 gespeichert. Das ist um 50 Mal mehr CO2 als in der Atmosphäre und um 20 Mal mehr als in den Landlebenwesen sowie in den Böden. Steigt die Wassertemperatur, kann der Ozean weniger CO2 aufnehmen. In der Folge verbleibt mehr davon in der Atmosphäre, was den Treibhauseffekt verstärkt.
Außerdem ist CO2 im Meerwasser chemisch aktiv und erschwert die Kalkbildung von Lebewesen. Das wirkt sich auf die Korallenriffe aus, die wichtige Funktionen für den Küstenschutz sowie als Nahrungsmittelbasis haben. Der WBGU zitiert Studien, nach denen in 30 bis 50 Jahren viele Riffe zerstört sein könnten. Überdies wirkt sich die Übersäuerung der Meere auf eine Reihe von Planktonorganismen aus, die als Nahrung für andere Meerestiere dienen. Das könnte sich laut WBGU auch „bis in die oberen Schichten des Nahrungsnetzes“ auswirken.
Nicht nur negativ
Allerdings müssen die Auswirkungen des Klimawandels auf die Weltmeere nicht nur negativ sein. So wird für möglich gehalten, dass ein Anstieg der Temperaturen um ein bis drei Grad Celsius die Lebensbedingungen für kommerziell wichtige Fischarten wie den Atlantischen Kabeljau und den Hering verbessern wird. Jedenfalls aber werde sich die Frage des Fischereimanagements wesentlich stärker auf die Fischbestände auswirken als der Klimawandel, heißt es in der WGBU-Studie.
Wenig wahrscheinlich
Als wenig wahrscheinlich bezeichnet der WBGU übrigens zwei beliebte Szenarien: den Zusammenbruch des Nordatlantikstroms, der in dem Katastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ eine neue Eiszeit auslöst sowie das plötzliche Freisetzen großer Methanmengen („Blow-ups"). Diese sind nach derzeitigem Kenntnisstand in bedeutenden Mengen in Gashydraten gespeichert, die vor allem in höheren Breitengraden in größeren Wassertiefen (etwa 800 bis 1.500 Meter) vorkommen. Als wahrscheinlicher gilt eine langsame Freisetzung durch die steigenden Meerestemperaturen.
Auszuschließen sind „Blow-ups“ aber nicht. Die Folge könnten großflächige untermeerische Hangrutschungen mit unerfreulichen Nebenwirkungen für Insel- und Küstenbewohner sein.