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GLOBAL DETAILS
Kernenergiespezialist Böck:
Thema Sicherheit wird
bei ziviler Nutzung der Kernkraft
mit extremer Sorgfalt
behandelt Foto: ATI
Reaktorexperte Helmuth Böck:
Niemals Zweifel an der Kernenergie



Helmuth Böck, Reaktorbetriebsleiter am Atominstitut der österreichischen Universitäten (ATI), über den Unfall im ukrainischen AKW Tschernobyl und die Zukunft der Nuklearenergie

UWS: Am 26. April 1986 explodierte der Block IV des Kernkraftwerks Tschernobyl. Wie erlebten Sie diesen Tag?
Böck: Der Störfall ereignete sich in der Nacht auf Sonntag. Am Montag früh zeigte eine Messstelle im Atominstitut erhöhte Strahlungswerte. Dann kamen erste Meldungen, die auf einen Unfall hindeuteten. Unter anderem meldete ein finnisches Kernkraftwerk, zum Dienst kommende Arbeiter hätten erhöhte Strahlenwerte aufgewiesen. Normalerweise treten solche beim Verlassen des Kraftwerks auf. Langsam wurde klar, dass etwas Schlimmes passiert war. Dann ging es drunter und drüber. Immer mehr Messstellen in den Bundesländern meldeten erhöhte Werte. Wir maßen rund um die Uhr. Der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk wollte wissen, ob sich Tschernobyl auf den Maiaufmarsch der SPÖ auswirken würde. Wir rieten, diesen abzusagen.

UWS: Wie reagierte Zilk?
Böck: Seine Antwort lautet, der Aufmarsch müsse stattfinden. Und so fuhren nächtelang die Sprühwagen entlang der Aufmarschrouten, um diese vom Staub zu säubern, der durch die Marschierenden aufgewirbelt werden hätte können.

UWS: Warum geschah der Unfall?
Böck: Mehrere Faktoren kamen zusammen, technische und administrative Mängel sowie das Missachten von Sicherheitsvorschriften. Der Reaktor hatte einen positiven Dampfblasenkoeffizienten. Je mehr Wasser verdampfte, desto stärker stieg die Leistung. So erhöhte sich diese automatisch immer mehr.
Dazu kam eine so genannte Xenonvergiftung. Die Leistung sollte auf rund 700 bis 1.000 Megawatt reduziert werden, um einen Test durchzuführen. Aber der Lastverteiler in Kiew forderte, noch etwa zehn Stunden mit etwa 1.600 Megawatt zu fahren. Es entstanden Spaltprodukte, darunter das Edelgas Xenon, die sehr stark neutronenabsorbierend wirkten. Die Leistung des Reaktors sank ab.
Um sie wieder zu erhöhen, zog das Bedienungspersonal alle Absorberstäbe aus dem Reaktorkern. Aber die konnten nicht ausgeklinkt werden, um in den Reaktorkern zu fallen und so einen rapiden Leistungsanstieg zu stoppen. Es dauerte etliche Sekunden, um sie in den rund zehn Meter hohen Reaktorkern hineinzufahren. Eine spätere Analyse zeigte: Wäre der Befehl zum Abschalten etwa sieben Sekunden früher gekommen, wäre der Reaktor nicht explodiert.

UWS: Es heißt, es seien Sicherheitssysteme abgeschaltet worden.
Böck: Das war ein weiteres Problem. Der erwähnte Test hätte schon ein Jahr früher stattfinden sollen. Er misslang aber, weil die Sicherheitssysteme den Reaktor automatisch abschalteten. Aus diesem Grund wurden einige davon beim neuerlichen Versuch überbrückt - mit den bekannten Folgen.
Hinzu kam, dass die erste Generation der sowjetischen Reaktoren keine Außenhülle, kein so genanntes Containment, hat. Und so wurden nach der Explosion große Mengen radioaktiven Materials freigesetzt.

UWS: Wurden die Reaktoren des Tschernobyl-Typs nach dem Unfall sicherheitstechnisch nachgerüstet?
Böck: Ja. Zwar wurden keine Containments nachträglich gebaut. Aber die Kontroll- und Abschaltmöglichkeiten wurden verbessert. Eine der Anlagen, Ignalina in Litauen, wurde abgeschaltet. Das war gewissermaßen die Eintrittskarte des Landes in die EU. Litauen plant jedoch den Ersatz des Reaktors, vermutlich durch einen European Pressurized Water Reactor (EPR).

UWS: Bleiben wir noch kurz bei Tschernobyl. IAEA, WHO und UNDP veröffentlichten im September eine Bilanz des Unfalls. Dieser könnte an Spätfolgen rund 4.000 Todesopfer kosten. Ganze Landstriche mussten evakuiert werden. Ist es sinnvoll, Technologien zu nutzen, die derartige Risiken mit sich bringen?
Böck: Ich präzisiere: Die Zahl der akuten Todesopfer unter den Einsatzkräften belief sich auf etwa 50. Dazu kamen neun Todesfälle unter Jugendlichen, ausgelöst durch Schilddrüsenkrebs, der aber in 99 Prozent der Fälle heilbar ist. Die immer wieder kolportierten Horrormeldungen von 50.000 bis 100.000 Toten sind Rechenspielereien ohne wissenschaftliche Grundlage.
Zu Ihrer Frage: Tschernobyl war zweifellos der schwerste Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Aber auch andere Technologien sind mit erheblichen Risiken verbunden. Bei der Kohlegewinnung sterben in einem einzigen Jahr durchschnittlich mehr Personen als durch Tschernobyl insgesamt. Beim Bruch eines Staudamms in Südtirol vor 20 Jahren kamen 3.000 Personen auf einen Schlag ums Leben. Die Unfälle in den Chemiefabriken von Seveso und Bhopal lösten bei den Betroffenen genetische Schäden aus.
Die Kernenergie ist also nicht allein der Bösewicht. Überdies werden nun neue Generationen von Reaktoren entwickelt, die noch erheblich sicherer sind als die derzeit verfügbaren.

UWS: Darunter ist der von Ihnen erwähnte European Pressurized Water Reactor ...
Böck: Die Amerikaner sprechen lieber vom „Evolutionary“ Pressurized Water Reactor. Bei diesen Anlagen ist kein Störfall möglich, bei dem eine Evakuierung der Bevölkerung nötig wäre. Es gibt ein doppeltes Containment, das auch dem Aufprall eines Jumbojets standhält, und einen „Core-catcher“, eine keramische Wanne, um zu verhindern, dass ein geschmolzener Reaktorkern an die Umwelt gelangt. Dazu kommt ein Sicherheitssystem in vierfacher Ausfertigung.

UWS: Mit wie vielen EPRs ist in den kommenden Jahren zu rechnen?
Böck: Einer wird in Finnland gebaut, zwei sind in Frankreich geplant, zehn in den USA. China hat zwei Anlagen im Bau, weitere 19 sind geplant. Weitere große Märkte sind Indien und Japan. Auch in Großbritannien gibt es Überlegungen, neue Reaktoren zu bauen. Es tut sich also einiges.

UWS: ... nachdem fast zwei Jahrzehnte lang so gut wie nichts gebaut wurde.
Böck: Die in Betrieb befindlichen Anlagen waren in der Mitte ihrer Lebensdauer. Jetzt kommen sie langsam an deren Ende und müssen ersetzt werden. Beim EPR ist mit einer Bauzeit von fünf Jahren zu rechnen. Dazu kommt noch einmal der selbe Zeitraum für die Planung, die Genehmigungsverfahren und die Vorbereitungsarbeiten, wie den Leitungsbau.

UWS: Für die kommenden Jahrzehnte ist eine vierte Reaktorgeneration in Aussicht ...
Böck: Es gibt ein Konsortium von zehn Industriestaaten darunter die USA, Großbritannien, Japan, die Schweiz, Brasilien, Korea, Argentinien. Die Reaktoren der vierten Generation müssen extrem sicher sowie ökonomisch rentabel sein und die Weitergabe spaltbaren Materials unmöglich machen. Sechs Typen sind in Entwicklung, darunter drei Brutreaktoren (Schnelle Brüter).
Mit diesen kann Uran238 in Plutonium239 umgewandelt werden, das ein wertvoller Brennstoff ist. Zweitens könnten diese Reaktoren Spaltprodukte aus Leichtwasserreaktoren abbrennen. Ein weiterer Typ der Generation Vier ist ein „Very High Temperature Reactor“ zur Erzeugung von Wasserstoff. Zu erwarten ist, dass zwei der Generation-Vier-Typen etwa 2020 verfügbar sein werden, die anderen etwa 2030.
In Deutschland gab es in den 1980er Jahren schon einmal einen Hochtemperaturreaktor, einen so genannten Kugelhaufenreaktor. Seit einigen Jahren interessieren sich Südafrika und China dafür. Mit Hilfe deutscher Unternehmen wird ein Modulreaktor mit rund 160 Megawatt elektrischer Leistung entwickelt und gebaut.

UWS: Gegenüber Brutreaktoren gibt es Vorbehalte, weil Plutonium239 kernwaffentauglich ist.
Böck: Jedes Kernkraftwerk erzeugt Plutonium. Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Entweder die Brennelemente werden endgelagert, oder das darin enthaltene Uran und Plutonium wird wiederaufbereitet. Bei einigen der dafür nötigen Schritte könnte theoretisch waffenfähiges Material abgezweigt werden. Aber das ist so kompliziert und so leicht zu überwachen, sodass es nur im Rahmen eines staatlich genehmigten Programms durchgeführt werden kann. Indien und Pakistan beispielsweise dürften auf diese Weise zum Material für ihre Kernwaffen gekommen sein.
Dazu kommt: In Reaktoren erzeugtes Plutonium239 ist mit anderen Isotopen verunreinigt. Für Waffen ist jedoch nur hochreines Plutonium239 geeignet. Dieses aber ist nur mit Schwerwasserreaktoren zu erzeugen.
Der Schnelle Brüter ist daher nicht unmittelbar mit der Waffenproduktion verbunden. Im Gegenteil: Er hilft, Plutonium zu verbrennen. Ein Problem bei den Brütern ist der Einsatz flüssigen Natriums, das sehr leicht brennt.

UWS: Die britische Sustainable Development Commission (SDC) argumentiert, weder für den Klimaschutz noch für die Energieversorgung sei die Kernkraft nötig. Beides sei mit konsequenten Energieeffizienzprogrammen sowie dem massiven Einsatz erneuerbarer Energieträger zu schaffen.
Böck: Bei den erneuerbaren Energien gibt es im Wesentlichen Windkraft, Solarenergie und Wasserkraft. Wasserkraft ist in Großbritannien nicht im Übermaß nutzbar. Wind gäbe es genug. Aber für jedes installierte Kilowatt braucht man ein Backup durch eine jederzeit verfügbare Energiequelle. Auch dass das Kyotoprotokoll ohne Kernenergie erfüllt werden kann, ist sehr zweifelhaft.

UWS: Ihr Institut verfügt über einen Forschungsreaktor. Wie lange kann dieser noch in Betrieb bleiben?
Böck: Bis Mitte der nächsten Dekade. Wir betreiben ihn seit März 1962. Es gibt Verträge mit der amerikanischen Herstellerfirma über die Rücknahme der Brennelemente. Das Forschungszentrum Seibersdorf nahm seine diesbezüglichen Verträge bereits in Anspruch.

UWS: Wird der Reaktor ersetzt?
Böck: Diese Entscheidung müssen die politisch Verantwortlichen treffen. Tatsache ist, dass das Atominstitut (ATI) als einzige Institution in Österreich Fachausbildungen in Strahlenschutz, Dosimetrie und medizinischer Anwendung von Strahlung bietet. Wir arbeiten mit dem Sozialmedizinischen Zentrum Ost und dem Allgemeinen Krankenhaus Wien zusammen. Wir haben eine Arbeitsgruppe, die Dosimeter für die Raumfähren vorbereitet und kalibriert.
Auch gibt es sehr viele Projekte mit der International Atomic Energy Agency (IAEA). Wir bilden laufend Sicherheitsinspektoren aus, die darauf achten, dass die Kernkraftwerke in aller Welt ordentlich arbeiten und kein Spaltmaterial abgezweigt wird. Seit 1985 bildeten wir rund 120 Personen entsprechend aus, etwa die Hälfte der 250 IAEA-Inspektoren.
Auch verbessern wir tragbare Strahlenmessgeräte. Diese dienen dazu, zu verhindern, dass jemand bei Großveranstaltungen wie Olympischen Spielen radioaktives Material einschleust, um eine Massenpanik zu erzeugen. Sie erlauben, zwischen dem böswilligen Einbringen eines Cäsium- oder Kobaltpräparats und einem unbeabsichtigten Einbringen von Strahlung zu unterscheiden. Letzteres kann beispielsweise geschehen, wenn sich jemand einige Tage vor der Veranstaltung einer radiologischen Untersuchung unterzog. Eine solche Person soll ja nicht aufgehalten werden.

UWS: Wie sieht es mit der Anzahl der Studierenden am ATI aus?
Böck: Die steigt seit etwa Ende der 1990er Jahre kontinuierlich. In den Vorlesungen über Kerntechnik und Strahlenschutz hat sich die Hörerzahl auf etwa 40 Personen verdreifacht. Ich selbst betreue acht Doktorarbeiten und zehn Diplomarbeiten.

UWS: Hatten Sie jemals Zweifel an der Sinnhaftigkeit der zivilen Nutzung der Kernenergie?
Böck: Nein. Seit Abschluss meines Studiums 1967 erlebte ich mit, mit welcher Sorgfalt das Thema Sicherheit bei der Nutzung der Kernenergie behandelt wird. Es wäre beruhigend, wenn in anderen Bereichen ähnlich streng agiert würde.

Zur Person
Ao.Univ.Prof.Dr. Helmuth Böck ist seit Mitte 1969 Betreibsleiter des Forschungsreaktors vom Typ TRIGA Mark II am Atominstitut der österreichischen Universitäten (ATI). Darüber hinaus arbeitet er bei der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) als Experte für die Sicherheit und Nutzung von Forschungsreaktoren sowie für die Ausbildung von Reaktorpersonal. Seit 1975 absolvierte Böck im Auftrag der IAEA über 50 Missionen nach Asien, Afrika und Südamerika. Er gilt als einer der international führenden Spezialisten für den Betrieb von Forschungsreaktoren.

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