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WIRTSCHAFT DETAILS
Klare Position: Die Papierindustrie
will sich durch Kyoto
nicht papier'ln lassen
Foto: Mayr-Melnhof
Papierindustrie lehnt Verantwortung für Kyotoziel ab


Austropapier-Energiesprecher Fuhrmann: „Staat darf Unternehmen nicht ruinieren“ – Emissionshandel: kein Problem in laufender erster Periode – volle Abdeckung der CO2-Emissionen für zweite Periode nötig – Papierindustrie will drei neue Gaskraftwerke bauen – Probleme mit Ökostromförderung - Vizepräsident Salzer zu Lohnverhandlungen: „Abschluss deutlich unterhalb der Inflationsrate“ nötig

(Wien, 05.04.2006) „Die Industrie wird ganz sicher keine Verantwortung für das Erreichen des österreichischen Kyotoziels übernehmen“, stellte Smurfit-Kappa-Nettingdorfer-Generaldirektor Ferdinand Fuhrmann heute fest. Bei der Jahrespressekonferenz des Papierindustrieverbandes Austropapier sagte Fuhrmann in seiner Funktion als dessen Energiesprecher, es sei von vorneherein klar gewesen, dass Österreich das Ziel, die Treibhausgasemissionen bis 2012 um 13 Prozent unter den Wert von 1990 zu senken, nur durch den Kauf von Emissionszertifikaten erreichen könne. Es könne nicht angehen, dass der Staat die Unternehmen für Kyoto in die Pflicht nehme „und sie dadurch ruiniert“, betonte Fuhrmann.
Angesprochen auf Äußerungen des Austropapier-Geschäftsführers Oliver Dworak bei der Energiekonferenz EPCON, denen zu Folge der Papierindustrie möglicherweise massive Schäden durch den Klimawandel drohen, sagte Fuhrmann: „Wir haben diese Schäden nicht quantifiziert, weil sie nicht quantifizierbar sind. Möglicherweise wird es welche geben. Aber niemand weiß, ob das in 20 oder in 50 Jahren der Fall sein wird.“ Die Kosten durch die Umsetzung des Kyotoprotokolls und den seit 1. Jänner 2005 laufenden EU-Emissionshandel spürten die Unternehmen dagegen schon jetzt.

Emissionshandel: Alle Emissionen decken

Fuhrmann räumte allerdings ein, dass die Papierindustrie für die bis Ende 2007 laufende Emissionshandelsperiode keine Probleme hat. Sie habe ausreichend Emissionszertifikate (EUAs) gratis zugeteilt erhalten, um alle ihre CO2-Emissionen zu decken. Dasselbe fordere die Branche auch für die zweite Periode, für die der Zuteilungsplan (NAP II) bis 30. Juni an die EU-Kommission zu übermitteln ist. Fuhrmann erläuterte, für die erste Periode habe die Branche EUAs über 2,1 Million Tonnen pro Jahr erhalten. Für die zweite Periode sei eine Steigerung der Zertifikatszahl um 2,5 Prozent pro Jahr nötig. Dies liefe insgesamt auf eine Steigerung um rund 13,14 Prozent sowie eine Erhöhung der Zuteilung auf EUAs über rund 2,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr hinaus.
Notwendig sei die Zuteilung unter anderem, weil die Papierkonzerne SCA Laakirchen, Sappi und Smurfit-Kappa-Nettingsdorfer drei neue Gaskraftwerke mit jeweils mehr als 90 Prozent Wirkungsgrad und einer elektrischen Gesamtleistung von 100 Megawatt bauen wollten. Auf die Nettingsdorfer entfielen davon 20 Megawatt, auf die SCA und Sappi je 40 Megawatt, sagte Fuhrmann. Überdies seien auch einige Biomasseanlagen geplant. Doch die fielen für den Emissionshandel nicht ins Gewicht, weil die solche Anlagen als „CO2-neutral“ gelten. Wie viele EUAs für die neuen Gaskraftwerke gebraucht würden, könne er nicht sagen, so Fuhrmann.

Energiekosten senken

Zum wiederholten Mal forderte Fuhrmann auch, die Energiekosten für die Industrie zu zu senken. Die in den Anfangsjahren der Strommarktliberalisierung erzielten Einsparungen seien längst wieder egalisiert. Und die „Überförderung“ der Stromproduktion mittels erneuerbarer Energieträger sowie die Tatsache, dass von der Industrie betriebenen Kraft-Wärme-Kopplungen (KWK) nicht gefördert werden, koste die Industrie rund zehn bis 20 Millionen Euro pro Jahr. Die Ökostromproduzenten machten der Branche auch insofern zu schaffen, als sie als Konkurrenten um den Rohstoff Holz aufträten, was für steigende Holzpreise sorge. „Landwirtschaftsminister“ Josef Pröll müsse unbedingt die gegenüber der Verbrennung höherwertige stoffliche Verwertung der Biomasse sicherstellen. Und für die Ökostromproduktion solle der Minister freundlichst zusätzliche Biomasseerzeugung anregen. „Das heißt, er sollte das Programm „Energieholz“ umsetzen“, forderte Fuhrmann.

„Schwierige Lage“ Austropapier-Präsident und Mayr-Melnhof-Aufsichtsratschef Michael Gröller sprach von einer insgesamt „schwierigen Lage“ seiner Branche. Zwar sei die Papierproduktion im Jahr 2005 um rund 100.000 Tonnen auf fast fünf Millionen Tonnen gestiegen. Nicht Schritt gehalten habe damit allerdings der Branchenumsatz, der bei knapp 3,5 Milliarden Euro stagnierte. Auch sei die Auslastung der Anlagen mit rund 88,5 Prozent so niedrig gewesen „wie schon seit Jahren nicht“.
Um die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten zum kompensieren, wolle die Papierindustrie die Papierpreise erhöhen. Allerdings sei der Spielraum dafür wegen der schlechten Auslastung der Anlagen gering, räumte Gröller ein: „Die Unternehmen haben unterschiedliche Strategien. Wenn einer den Preis erhöht, sagt der andere möglicherweise: Ich ziehe nicht nach und laste dafür lieber meine Anlage voll aus.“
Eine klare Linie verfolge die Papierindustrie aus diesen Gründen auch bei den laufenden Lohnverhandlungen, sagte Austropapier-Vizepräsident Thomas Salzer. Die seitens der Gewerkschaft geforderte Reallohnerhöhung werde es nicht geben: „Wir wollen einen Abschluss deutlich unter der Inflationsrate.“

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