Vier Millionen Tonnen CO2 im Raumwärmebereich einsparen, um Österreichs Kyotoziel zu erfüllen? Technisch möglich, sagen Experten. Jedoch wird die Zeit knapp.
Und es gibt auch manche nicht genutzte Chancen
Bauen und Umbauen für den Klimaschutz ist angesagt: Rund 4,4 Millionen Tonnen CO2 sollen laut derzeit geltender Klimastrategie im Raumwärmebereich eingespart werden. Die wird zwar noch heuer revidiert. Weil die Treibhausgasemissionen in Österreich steigen, ist aber klar, dass sie eher verschärft als entschärft wird (Coverstory Seite 12). Die 4,4 Millionen seien jedoch zumindest technisch kein großes Problem, sagt Mag. Franz Roland Jany, Geschäftsführer der Gemeinschaft Dämmstoffindustrie (GDI). Bereits 1995 habe eine Studie der Technischen Universität Wien bewiesen, dass bei einem Senken des häuslichen Energieverbrauchs auf rund 65 bis 75 Kilowattstunden – etwas weniger als das heute übliche
Niveau bei Neubauten – pro Quadratmeter und Jahr locker rund sieben Millionen Tonnen COP2 zu schaffen seien. Jany: „Das heißt, selbst die sieben Millionen Tonnen sind noch um einiges zu niedrig geschätzt.“
Drei Maßnahmenbereiche seien dafür zu berücksichtigen: „Erstens müssen wir die Heizsysteme optimieren. Zweitens sind die Gebäudehüllen so zu gestalten, dass der Energieverbrauch möglichst gering ist. Und drittens sollten wir statt fossiler Energieträger vermehrt erneuerbare Energieträger einsetzen.“
Technisch sei das alles machbar. Jedoch gelte in Umkehrung des Bibelwortes, dass das Fleisch zwar willig, der Geist aber noch einigermaßen schwach sei: „Von den Professionalisten – Architekten, Handwerkern, Zimmerleuten – kennt sich nur eine Handvoll mit diesen Dingen aus. Die Häuselbauer wissen auch noch zu wenig. Da nützt es kaum, dass die Behörden im EU-weiten Vergleich sehr fortschrittlich sind.“
Volle Information
Jany setzt deshalb auf Aufklärung, und das nicht zu knapp. In den kommenden Wochen wird der „Neustifter Kreis“ gegründet, der zielgerichtete Informationsarbeit leisten soll. Geplant sind eine Online-Informationsplattform, Schriftenreihen sowie ein monatlicher Jour Fixe mit Promi-Beteiligung, dazu sollen Kampagnen in Bausparkassenzeitungen sowie Veranstaltungen aller Art inklusive Bauherrenabende kommen. Mit von der Partie ist unter anderem der ehemalige EU-Parlamentarier und PR-Agenturchef Dr. Hans Kronberger, in dessen Schlepptau auch die Generaldirektorin der Wüstenrot-Bausparkasse, Dr. Susanne Riess-Passer, fürs Raumwäremeeffizienz- und Dämmstoff-Lobbying gewonnen werden soll. Jany: „Wir wollen eine gesellschaftlich tragfähige Lösung fürs CO2-Einsparen im Raumwärmebereich anbieten und mit dem Thema thermische Wohnbausanierung in die Breite gehen.“
Einbruch kompensieren
Was seinen kommerziellen Aspekt hat. Als vor gut drei Jahren die Baukonjunktur zusammenbrach, löste das beim GDI und seinen Mitgliedern begreiflicherweise nur verhaltene Freude aus. Rund ein Drittel des Marktes ging verloren, etwa 3,8 Millionen Tonnen Dämmstoffe setzte die Branche 2004 ab. Bis
heute laufe die thermische Wohnbausanierung nicht so, wie von der Branche gewünscht. Und der Kostendruck auf die gesamte Baustoffbranche sei enorm. Da komme das Thema Klimaschutz gerade recht. Jany: „Für uns brechen zwar keine paradiesischen Zustände herein, aber das verlorene Drittel sollten wir kompensieren können.“ Er denkt dabei auch an neue Geschäftfelder respektive Marketingideen. So werde der Schallschutz immer mehr zum Thema, und auch mit Dämmung gegen Sommerhitze lasse sich gutes Geld verdienen. Frei nach dem Motto: Wer gut dämmt, spart sich die Klimaanlage. Schützenhilfe bekommen Jany und die Seinen dabei aus Brüssel: Anfang 2006 tritt die EU-Gebäuderichtlinie in Kraft, die unter anderem einen Energieausweis für Gebäude vorschreibt. Der sollte EU-weit möglichst einheitliche, jedenfalls aber vergleichbare Standards bringen, fordert Jany und gibt sich
optimistisch, dass dies so kommt. Wobei die GDI durchaus auch auf konventionelle Methoden der Geschäftsausweitung denkt. Auf ihrer Website etwa behauptet sie, die derzeit üblichen Dämmungen seien um rund die Hälfte bis zwei Drittel zu dünn, um optimale Energieeinspareffekte zu erzielen. Dicker aufzutragen, sei daher ein Gebot der Stunde.
Heikle Fragen
Als heikel bezeichnen Experten, die lieber ungenannt bleiben, die Frage, wie allfällige CO2-Einsparungen durch thermische Wohnbausanierung überprüft werden können. Jany: Gut quantifizieren lasse sich die Energieeinsparung, und aus der könne mittels CO2-Faktoren für die jeweiligen Brennstoffe die CO2-Einsparung ermittelt werden. Allerdings: „Auf die Goldwaage würde ich die Ergebnisse lieber nicht legen.“ Vor allem, weil falsches Nutzerverhalten die Effekte auch der besten Technik zuschanden macht. Würden sinkende Temperaturen gemeldet, drehten manche Leute die Heizung auf, egal, ob dies nötig sei oder nicht – was wieder die Notwendigkeit gezielter Informationsarbeit unterstreiche. Und langfristig müssten eben „Smart Homes“ her, die intelligent genug seien, um eine falsche Nutzung von Energieeffizienztechniken schlicht unmöglich zu machen. Jany: „Was wir brauchen, sind Fool-proof-Häuser.“
Ein weiteres Problem könnte die Zeit werden, die langsam aber sicher knapp wird. Denn sollen die 4,4 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent kyotogerecht bis 2012 eingespart sein, müssen bis da hin rund 1,5 Millionen Wohnungen thermisch saniert werden, etwa 200.000 pro Jahr. Jany: „Von den Baukapazitäten her glaube ich nicht, dass das zu schaffen ist.“ DI Peter Holzer vom Zentrum für Bauen und Umwelt der Donau-Universität Krems stimmt zu: Eine „g’mahte Wiesn“ sei das Thema Klimaschutz im Raumwärmebereich keineswegs.
Prölls Programme
Immerhin startet Umweltminister DI Josef Pröll nun langsam durch. Vor wenigen Wochen präsentierte er mit der Bauwirtschaft eine Klimaschutzinitiative. Deren Ziel sei eben gerade die unter anderem von Jany geforderte „Aus- und Weiterbildung für sämtliche am Bau vertretenen Berufsgruppen, vom Baumeister und Architekten bis zum Maurer, Zimmermann oder Installateur.“ Insbesondere die „initiativehandwerk“ werde mit ihrer „Öko-Lehrlingsbaustelle“ und den so genannten „Bauherrnmappen“ einen weiteren wichtigen Baustein für den Klimaschutz liefern. Ach ja – Arbeitsplätze bringe das auch: Gestützt auf Zahlen des WIFO rechnet Pröll mit 10.000 zusätzlichen Jobs.
Und damit nicht genug: Seit Dezember ist die jahrelang umstrittene Vereinbarung zwischen Bund und Ländern über Mindeststandards zum Klimaschutz in der Wohnbauförderung unter Dach und Fach. Ihr zu Folge werden Neubauten nur mehr gefördert, wenn sie einen „ambitionierten Niedrighausstandard“ aufweisen, wie Pröll betont. Zusätzlich belohnt wird, wer ein Passivhaus baut und mit Biomasse oder thermischen Solaranlagen heizt. Überdies laufen Raumwärmeprojekte im Rahmen des Programms „klima:aktiv“ an, bei denen zwei Musterhäuser gebaut werden sollen. Jany räumt die Sinnhaftigkeit prinzipiell ein, bemängelt aber zweierlei: Auf der einen Seite gehe die Sache nicht weit genug. So würden diese Häuser nur nach Niedrigenergiehaus-Standards gebaut, nicht aber nach Passivhausstandards, obwohl dies mit nur vier bis fünf Prozent höheren Baukosten möglich sei. Und die ließen sich durch Betriebskosteneinsparungen binnen weniger Jahre egalisieren. Auf der anderen Seite schössen die „Klima:aktiven“ übers Ziel hinaus, indem sie nur Alternativdämmstoffe einsetzten, wie Hanf und Stroh. Jany: „Diese Sachen machen höchstens zehn Prozent des Marktes aus, sind rund ein Drittel teurer als normale Dämmstoffe und haben keine Ö-Norm-Prüfung.“
Kein Problem
Grundsätzlich habe Jany recht, ein Problem sei das aber nicht, kontert DU-Experte Holzer. Die baurechtliche Zulassung von Alternativdämmstoffen erfolge meist ohne Schwierigkeiten. Was die Kosten betrifft, betont Holzers Kollege Dr. Gerhard Schuster, diese könnten sich verhältnismäßig rasch ändern. Mehr Nachfrage nach Alternativdämmstoffen führe mittelfristig auch zu mehr Angebot und damit sinkenden Preisen.
Nicht recht nachvollziehen können Schuster und Holzer Janys Kritik, „klima:aktiv“ gehe nur auf den Niedrigenergiehausstandard statt auf den Passivhausstandard. Schuster: „Ein Passivhaus ist toll. Aber letztlich muss der Bauherr entscheiden, was er will.“ Die Entscheidungsgrundlagen müssten ihm die Professionalisten liefern, und für die biete nicht zuletzt das Zentrum für Bauen und Umwelt entsprechende Ausbildungen an.
Wobei Holzer betont, Klimaschutz erfordere eine Doppelstrategie:Erstens seien die Energieeffizienz zu steigern und vor allem der Energieverbrauch zu senken. Etwa 50 Prozent Einsparung binnen fünf bis zehn Jahren seien machbar, ohne dass jemand zu frieren oder kalt zu duschen brauche. Und zweitens gelte es eben, vermehrt Wärme mit erneuerbaren Energieträgern zu erzeugen, vor allem Biomasse. Solarthermie sei zwar „eine grunsätzlichgute und in manchen Fällen eine sehr sinnvolle Sache.“ Er sei sich nicht sicher, ob sie sich flächendeckend einsetzen lasse.
Sonne für alle
Letzteres befürwortet jedenfalls Rudolf Kanduth, der Obmann des Dachverbands Energie-Klima (DAK) und Chef des Kärntner Solarzellenherstellers Greenonetech, Ihm zufolge sind die 4,4 Millionen Tonnen CO2-Einsparung im Raumwärmebereich schon allein durch eine Umstellung der Heizungen von fossilen Energieträgern auf Solarenergie und Biomasse zu schaffen: „Wir brauchen nur ausreichende Förderungen und entsprechende Bauvorschriften.“ Etliche Länderprogramme gingen durchaus in die richtige Richtung.
Wohl wahr: Grund zur Klage über die Förderpolitik dürften die Renewables-Fans nicht haben. Allein die Stadt Wien stellte in den Jahren 2000 bis 2002 im Rahmen ihres Programms „Thewosan“ (Thermisch-energetische Wohnhaussanierung) 82 Millionen Euro (über eine Milliarde Schilling) zur Verfügung. Jährlich sorgt Thewosan für die Vermeidung von immerhin 55.000 Tonnen CO2. Gefördert werden Maßnahmen zur Erhöhung des Wärmeschutzes, darunter Verbesserungen bei der Wärmedämmung von Fenstern, Außentüren, Außenwänden, Dächern, Kellerdecken sowie Decken über Durchfahrten oder obersten Geschoßdecken. Die Förderung kann für alle Arten von Wohnhäuser in Anspruch genommen werden – für Gemeindebauten, Genossenschaftswohnhäuser und private Wohnhäuser.
Was die Bauvorschriften betrifft, setzt Kanduth wie Jany auf die Gebäuderichtlinie und den Energieausweis. Seine Wünsche: „Der Ausweis muss österreichweit einheitlich sein und die Anteile der erneuerbaren Energieträger an der Heizenergie zeigen.“
Unterschätzte Chance
Vielleicht geht der Schuss mit der Gebäuderichtlinie für die Fans der „Erneuerbaren“ aber auch nach hinten los. Denn diese zielt auf die
Gesamenergieeffizienz eines Heizsystems. Berücksichtigt werden muss somit auch, ob eine Anlage beispielsweise Hilfsenergie für den Antrieb einer Förderschnecke benötigt, wie sie bei Pelletsheizungen Gang und Gäbe ist. Gasheizungen dagegen brauchen kaum Strom, auch der Bedarf von Ölheizungen für Pumpen sowie das Vorwärmen des Brennstoffs hält sich in Grenzen. Heizungsspezialisten aus den Reihen der Energieverwertungsagentur (E.V.A.) warnen daher davor, das Klimaschutzpotenzial moderner Ölheizungen zu unterschätzen.
E.V.A.-Experte Dr. Georg Benke etwa verwies bei einer Expertentagung über Ölbrennwertkessel darauf, dass mit solchen Systemen die CO2-Emissionen drastisch reduziert werden könnten. Die vom Institut für wirtschaftliche Ölheizung (IWO) genannten 1,2 bis 1,3 Millionen Tonnen CO2 Einsparpotenzial seien durchaus im Bereich des Möglichen. Allein gezielte Kesseltauschprogramme könnten somit ein Viertel der im Raumwärmebereich vorgesehenen Einsparungen bringen. Die Voraussetzung: Sämtliche über 20 Jahre alten Ölkessel müssten durch Brennwertgeräte ersetzt werden. Und Öl-Brennwertgeräte seien keineswegs mehr technische „Exoten“, sondern bereits Stand der Technik. Auch die höhere Brennstoffqualität trage zu besseren Wirkungsgraden und damit zu geringerem Verbrauch sowie zu geringeren Emissionen bei – nicht nur bei Brennwertgeräten. Gegenüber den Altanlagen könnte ein neuer Ölkessel den Brennstoffbedarf um 30 Prozent senken, ein Öl-Brennwertkessel sogar um 40 Prozent.
Weiter "Pro Klimaschutz"
Eine Zahl, die auch der neue IWO-Geschäftsführer Mag. Martin Reichard bestätigt. Weiter aktuell seien daher die Ziele der „Pro Klimaschutz“-Initiative seines Vorgängers Prof. Dr. Walter Tauscher. Dieser zufolge wollte sich die Mineralölindustrie freiwillig verpflichten, im Wärmebereich eine Million Tonnen CO2 einzusparen. Reichard: „Die Ölheizung hat den größten Marktanteil unter den nicht leitungsgebundenen Individualheizungen. Daher führt jede Optimierung dieses Heizsystems automatisch zu starken positiven Gesamteffekten für den Klimaschutz. Wir sehen speziell in den klima:aktiv-Programmen „Energieeffizienz“ und „solare Warmwasseraufbereitung“ in Verbindung mit der modernen Ölheizung gute Möglichkeiten, unsere Kompetenz einzubringen.“ Bei Redaktionsschluss waren die Gespräche über die Teilnahme des IWO an „klima:aktiv“ noch nicht abgeschlossen. Zuständig dafür ist übrigens die E.V.A..
Zu den Bildern
Im Raumwärmebereich liegt eines der größten Potenziale für Energieeinsparung und mehr Energieeffizienz sowie nach Ansicht mancher auch für erneuerbare Energien. Bei der thermischen Wohnbausanierung geht es um alles von den Wänden bis zu den Fenstern (Bild 1: Internorm). Solarthermiefirmen hoffen ebenfalls, auf ihre Rechnung zu kommen (Bild 2: Geotherm). Mitmachen will auch die Mineralölwirtschaft, betont der neue IWO-Geschäftsführer Mag. Martin Reichard (Bild 3: IWO).